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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 85
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Horus

Die Königswürde ist in Ägypten uralt. Der Ornat der Pharaonen weist in die graueste Vorzeit zurück, denn einer seiner Bestandteile ist ein Gürtel, der vorn mit einem Stück Fell, hinten mit einem Löwenschwanz geschmückt ist, ein Herrscherabzeichen, das an sehr primitive Zustände erinnert. Die ältesten Kultstätten befanden sich in On, dem Heliopolis der Griechen, das etwas nördlich von Kairo, direkt am Eingang ins Delta gelegen ist, in Busiris, das im Delta selbst liegt, und in Ombos im südlichen Oberägypten. In On residierte der Sonnengott Horus, der Gott von Unterägypten, in Busiris, »Haus des Osiris«, der Totengott Osiris, in Ombos Seth, der Gott von Oberägypten. Von Heliopolis, der »Sonnenstadt«, aus wurden in prähistorischer Zeit Ober- und Unterägypten zum erstenmal vereinigt; Horus wurde Reichsgott, Seth aber allmählich zum Prinzip des Bösen und Ägyptenfeindlichen, schließlich zum Schutzgott der Fremdländer. Die Hieroglyphe des Esels, XXX, die den Gott Seth bezeichnet, ist im Ägyptischen auch das allgemeine Gattungszeichen für »Schreckliches«. Ich halte es nicht für unmöglich, daß das Verbot, Schweinefleisch zu essen, das die Juden und Mohammedaner von den Ägyptern übernommen haben, hier seinen Ursprung hat: Das Schwein war nämlich, neben dem Esel, das heilige Tier des Seth, und es wäre 170 ganz natürlich, daß es nach dessen Depossedierung unrein wurde. Hygienische Erklärungen, wie sie die liberale Religionspsychologie des »gesunden Menschenverstandes«, der nichts weniger als gesund ist, immer wieder versucht, kommen jedenfalls nicht in Betracht. Alle diese Verhältnisse spiegeln sich in der Osirissage, die allerdings nur in widersprechenden Varianten und in keinem ägyptischen Text in zusammenhängender Darstellung überliefert ist. Nach Plutarch war Osiris ursprünglich ein edler und weiser Herrscher über Ägypten, das er im Feldbau und Götterkult belehrte. Aber sein böser Bruder Seth stellte ihm nach und lockte ihn in einen Sarg, den er ins Meer warf. Als Isis, die Schwester und Gattin des Osiris, von dessen Ermordung erfuhr, legte sie Trauerkleider an und suchte überall den Leichnam, den sie schließlich in Byblos in Phönizien fand. Aber Seth zerriß ihn und verstreute die Teile. Abermals aber gelang es der treuen Gattin, die Teile wiederzufinden; sie setzte sie zusammen und brachte es sogar zuwege, den Toten mit Hilfe von Zaubermitteln zu neuem Leben zu erwecken und sich mit ihm noch einmal zu vereinigen. Inzwischen war Horus, der Sohn der Isis und des Osiris, herangewachsen und rächte den Vater, indem er Seth im Kampfe besiegte. Ganz scheinen aber weder Sieg noch Wiederbelebung geglückt zu sein, denn Ägypten wurde zwischen Horus und Seth geteilt und Osiris herrscht als Totenkönig in der Unterwelt.

Spätestens um 4000 zerfiel das Land wieder in zwei Teilreiche. Nach Jahrhunderten kam es zu einer neuen Einigung, die aber diesmal nicht von der Wurzel des Deltas, sondern vom entgegengesetzten Pol, dem oberägyptischen This, ausging. Die ägyptische Geschichte zeigt überhaupt in der Machtverteilung eine regelmäßige Pendelbewegung zwischen Norden und Süden. Die Thiniten wurden von den Memphiten und den Herakleopoliten abgelöst, deren Herrschaftssitze nicht weit von der 171 Grenze Unterägyptens lagen. Die Gründung des Mittleren Reiches erfolgte von Theben, also vom Süden aus, die Hyksos regierten im äußersten Osten des Deltas. Das Neue Reich ist abermals thebanischen Ursprungs, die Libyer und die Taniten stammen aus dem höchsten Norden. In der Äthiopierzeit wurde Ägypten sogar von Napata aus beherrscht, das in Obernubien lag, unter den Saïten aber verschob sich der Schwerpunkt wieder ins Delta.

Die Anbetung des Horus hatte in der Zeit der heliopolitanischen Hegemonie auch Oberägypten so vollständig erobert, daß das Nordreich und das Südreich, die aus der Teilung hervorgingen, in der historischen Erinnerung als »die beiden Reiche der Horusverehrer« fortlebten. Die Könige residierten in Doppelstädten, die zu beiden Seiten des Flusses lagen. Die Wappenpflanze war im Nordreich der Papyrus: XXX, der dort in so dichter Menge wuchs, im Südreich der Lotus: XXX. Das Schatzhaus des Nordens, in der Stadt der Schlangengöttin Buto, hieß das »rote Haus«, das des Südens, in der Stadt der Geiergöttin Nechbet, das »weiße Haus«. Dementsprechend ist die Krone des nördlichen Herrschers eine flache rote Kappe mit einer Drahtspirale, dem Symbol der Uräusschlange: XXX, die des südlichen Herrschers eine hohe weiße Tiara: XXX. Beiden Ländern gemeinsam ist das Symbol des Falken, XXX, der als Hieroglyphe das Zeichen für den Lichtgott Horus bildet, aber auch für »König« und für »Gott« überhaupt. Ebenso bedeutete die Uräusschlange, XXX, die mit der noch heute vorhandenen Hornviper identisch ist, neben der Buto auch ganz allgemein »Göttin«.

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