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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 83
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Neuzeit der Europologen

Im übrigen spiegeln sich uns die Vorgänge, die diese Jahrtausende erfüllen, nur in sehr groben und schiefen Umrissen. Sollten künftige »Europologen« oder »Okzidentalisten« von unserer Neuzeit ein ähnlich klares Bild besitzen, so würde der Bericht vielleicht folgendermaßen lauten: »Die erste Hälfte dieses Zeitraums ist von wilden Bürgerkriegen erfüllt. Einer von ihnen hat nach übereinstimmenden Angaben dreißig Jahre gedauert, doch erweckt die runde Zahl, die genau einem Menschenalter entspricht, Verdacht; sie will wohl nur so viel besagen wie: ›eine Generation lang‹. Die Dynastie der mittleren Zeit herrscht noch, verliert aber zusehends an Macht. Die Landräte von Prussien machten sich selbständig. Ihr stehender Beiname ›der Friedreiche‹ scheint die Bezeichnung einer Erbwürde gewesen zu sein; vielleicht waren sie ursprünglich Friedensrichter. Die spätere Zeit ist ruhiger. Es bildete sich ein großes Westreich, dessen Gouverneure alle Ludwig, und ein Ostreich, dessen Könige alle Franz oder Josef hießen. Etwa zwei Jahrzehnte lang herrschte eine korsikanische Dynastie über fast ganz Europa. Ferner hören wir von einer Dynastie der Jakobiner (Jakobsöhne), die aber nur kurze Zeit und möglicherweise als Gauherrscher nebeneinander regiert haben. Auf den beiden Inseln im Nordwesten blühte ein gewerbefleißiges Volk, das aber mehr seefahrend als kriegerisch war. Daß Handelsbeziehungen mit dem Kontinent bestanden, beweisen zahlreiche Funde von Waren mit einem Aufdruck, der besagt, daß sie ›in Germanien gemacht‹ seien. Zu Beginn des zwanzigsten 167 Jahrhunderts ging das Neue Reich in einem neuerlichen Bürgerkrieg unter. Die Dynastien wurden vertrieben, das Ostreich zerfiel in seine alten Gaue. Diese Verwirrung benützte ein wilder, bisher noch nicht rassemäßig festgestellter, vermutlich innerasiatischer Stamm, um, aus seinen alten Sitzen hervorbrechend, unter seinem Häuptling Bolschew fast ganz Russien zu überfluten und dort, ähnlich wie schon Jahrhunderte früher die Mongolen, eine blutige Gewaltherrschaft zu errichten, die eine dauernde Bedrohung für das übrige Europa bildete; auch verfolgten die Bolschewsöhne, da sie Heiden waren (sie beteten zu einem Sternsymbol), das Christentum. Die Kultur dieser vier Jahrhunderte scheint auf einer sehr niedrigen Stufe gestanden zu haben. Die Zeichenkunst war noch so primitiv, daß sie nur einen einzigen Moment festzuhalten wußte. Von Architekturwerken kennen wir, da die Steinbauten alle zerfallen sind, nur einen dreihundert Meter hohen Eisenturm, der auf dem Boden der einstigen Hauptstadt des Westreiches ausgegraben wurde (vermutlich aus der Korsikanerzeit) und von so abstoßender Häßlichkeit ist, daß es sich möglicherweise um gar kein Kunsterzeugnis handelt. Die Naturbegriffe waren ebenso roh: man dachte sich alle Dinge aus gleichartigen kleinsten Teilen zusammengesetzt. Verkehr mit Geistern scheint überhaupt nicht stattgefunden oder in den kindischsten Anfängen gestanden zu haben.«

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