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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 82
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Dynastien

Um 300 vor Christus schrieb ein ägyptischer Priester namens Manetho in griechischer Sprache eine Geschichte seines Landes. Das Werk, dessen Wert gering war, ist in der hellenistischen Literatur nicht beachtet worden und uns nur durch einen Abriß des Eusebius und einen Auszug bei Josephus bekannt. Die Königslisten, die Manetho gibt, sind durch neuere Funde im großen und ganzen bestätigt worden: alle Könige, die Manetho aufzählt, sind historisch, aber nicht alle historischen sind aufgezählt; auch ist von ihren Regierungen bloß die Tatsache unanzweifelbar, nicht aber die Reihenfolge und Dauer. Manetho zählt dreißig Dynastien und läßt sie mit der Einigung des Reichs durch König Menes beginnen: man pflegt daher die Zeit, die davor liegt, als die »vordynastische« zu bezeichnen; nicht ganz zutreffend, denn auch schon vor Menes gab es Dynastien. Die mehr als dreihundert Herrscher, die Manetho anführt, haben nicht einfach hintereinander regiert; es finden sich unter ihnen auch Mitregenten, Prätendenten und Teilfürsten. Die manethonischen Jahreszahlen haben sich fast durchwegs als viel zu hoch gegriffen herausgestellt, aber auch die derzeit geltenden sind bis zum Beginn des zweiten vorchristlichen Jahrtausends strittig; von da an können sie an astronomischen Daten in Papyrusurkunden ziemlich zuverlässig nachgeprüft werden; genau lassen sie sich erst von 663 an feststellen, dem Beginn der Saïtenzeit. Ludwig Borchardt und Friedrich Wilhelm von Bissing, zwei ungemein verdiente Forscher, setzen das Ende der vordynastischen Zeit um etwa ein Jahrtausend früher an als die meisten übrigen Ägyptologen; der letztere berechnet aber auch noch die Hyksoszeit, die bereits in die Mitte 164 des zweiten Jahrtausends fällt und ziemlich allgemein für etwa hundertjährig gilt, mit 430 Jahren.

Mit der ersten manethonischen Dynastie beginnt das Alte Reich: seine beiden Hauptperioden sind die Frühzeit oder Thinitenzeit, in der ein Herrschergeschlecht aus This oder Thinis regierte, und die Ära der Pyramidenerbauer von Memphis. Die letzten anderthalb Jahrhunderte des Alten Reichs, die Zeiten der sechsten Dynastie, waren eine Epoche des Feudalismus. Dann folgt die sogenannte Zwischenzeit, eine Periode der Wirren unter den letzten Memphiten und einem neuen Geschlecht, das aus Herakleopolis stammte. Mit der elften Dynastie setzt das Mittlere Reich ein, das durch neuerliche Wirren und den Einfall der Hyksos sein Ende findet; mit deren Vertreibung und der achtzehnten Dynastie beginnt das Neue Reich. Dieses zerfällt in die Unterabschnitte der Großmachtzeit, der Tanitenzeit und der Libyerherrschaft. In der »Spätzeit« gelangt Ägypten zunächst unter äthiopische und saïtische Fürsten, dann unter die Botmäßigkeit der Perser, der Griechen, der Römer. Manethos Dynastien enden bei den Ptolemäern, unter deren erster sein Buch verfaßt ist; dies wäre die einunddreißigste Dynastie.

Die nachfolgende Tabelle gibt die Zahlen von Eduard Meyer, James Henry Breasted und Georg Steindorff, drei Kapazitäten, die heute ziemlich allgemein das meiste Ansehen genießen. Bei seinen Ansätzen für die Zahlen der ersten Dynastien erklärt Eduard Meyer, einen Spielraum von 200 Jahren zuzulassen; dies würde gerade der Differenz zwischen Breasted und Steindorff entsprechen. Übrigens wird man bemerken, daß auch diese beiden nur in den Anfangs- und Endzahlen der einzelnen Perioden auseinandergehen, hingegen für deren Dauer fast überall zu übereinstimmenden Resultaten gelangen. 165

Meyer Breasted Steindorff
Urzeit: ältestes sicheres Datum 4241 4241 4241
Altes Reich 1. 2. Dyn. (Thiniten) 3315 3400 200 3200
420  420  420 
3. 4. 5. Dyn. (Pyramiden) 2895 2980 200 2780
355  355  360 
6. Dyn. (Feudalzeit) 2540 2625 205 2420
150  150  150 
Zwischenzeit 7. 8. Dyn. (Wirren) 2390 2475 205 2270
30  30  30 
9. 10. Dyn. (Herakleopoliten) 2360 2445 2240
300  285  140 
Mittleres Reich  11. 12. Dyn. 2060 2160 2100
13. Dyn. (Wirren) 1788 1788 1788
Hyksos 14. 15. 16. 17. Dyn. 1680 1675 1700
Neues Reich 18. 19. 20. Dyn. (Großmacht) 1580 1580 1580
21. Dyn. (Taniten) 1085 1090 1090
22. 23. 24. Dyn. (Libyer) 950 945 945
Spätzeit 25. Dyn. (Äthiopier) 717 712 712
26. Dyn. (Saïten) 663 663 663
27. 28. 29. 30. Dyn. (Perser) 525 525 525
Alexander d. Gr. 332 332 332

Es ist vielleicht am einfachsten, wenn man folgende runden Zahlen als Mittelgrößen annimmt: Altes Reich 3400 bis 2400; Zwischenzeit 2400 bis 2100; Mittleres Reich 2100 bis 1700; Hyksos 1700 bis 1600; Neues Reich 1600 bis 700; Spätzeit 700 bis 332. Nach Borchardt begann das Alte Reich 4186, also ein Jahrtausend, die Zwischenzeit 2740, also ein rundes Halbjahrtausend früher als nach Steindorff. Den Beginn des Mittleren Reiches setzt Borchardt ungefähr in dieselbe Zeit wie Steindorff, Bissing jedoch in die Zeit um 2900. Eine Gedächtnisstütze bietet sich dadurch, daß nach unserem runden Ansatz Altes Reich + Zwischenzeit etwa 1300 Jahre gedauert haben, Mittleres Reich + Hyksos 500 Jahre, Neues Reich + Spätzeit wiederum 1300 Jahre. Um sich von diesen riesenhaften Zeiträumen eine Vorstellung zu machen, übertrage man sie auf die 166 europäische Geschichte. Dann würde das Alte Reich mit Zwischenzeit ungefähr dem Zeitraum vom Trojanischen Krieg bis Julius Cäsar entsprechen, das Mittlere Reich der römischen Kaiserzeit, das Neue Reich dem Mittelalter und die Spätzeit der Neuzeit, und wir befänden uns jetzt in der Ptolemäerzeit. Das wäre, zum Beispiel auf Italien angewandt, die Zeit von Äneas bis Mussolini.

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