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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 77
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Ägyptizismus

Es war die Genialität Alexanders des Großen, die, indem sie den einzig richtigen Punkt dafür ausersah, durch die Gründung der Hafenstadt Alexandria Ägypten mit einem Schlage zur Seemacht erhob. Auf der kleinen vorgelagerten Insel Pharos erstand der 120 Meter hohe Leuchtturm, der von den Alten zu den sieben Weltwundern gezählt wurde und allen späteren Leuchttürmen den Namen gab; ein ebenso großes Wunderwerk war die Bibliothek, die fast eine Million Rollen umfaßte. Das Museion war die bedeutendste Gelehrtenrepublik des Altertums und ἐκ Μουσείου eine ähnliche Distinktion wie heute de l'académie; eine ebenso wirksame Empfehlung war es, wenn ein Mediziner seine Studien in Alexandria gemacht hatte, denn die dortigen Ärzte waren die gesuchtesten. Durch die römische Eroberung wurde die Bedeutung Alexandrias eher noch gesteigert; neben den Erzeugnissen, die Ägypten in alle Welt exportierte: dem Papier, der exquisiten Leinwand und den feinen Glaswaren (die Glasmacherpfeife ist eine ägyptische Erfindung), lagerten dort die Produkte des Nahen und Fernen Ostens, sogar Byssus aus Indien und Seide aus China. Die Fahrt von Puteoli, dem Hafen Roms, nach Alexandria dauerte zwei Wochen, Ägypten war also für Italien, wie gesagt, »transatlantisch«. Ägyptische Spezialitäten, echte und imitierte, überschwemmten den Westen: Teppiche, Mosaiken, Sphinxe, Obelisken, »Perlen der Kleopatra«, begleitet von Tänzern und Musikern, Schlangenbeschwörern und Wunderdoktoren, Astrologen und Nekromanten. Man ahmte die Einrichtung der ägyptischen Häuser nach, legte ägyptische Gärten an und schmückte die Wände mit Gemälden, die die 155 ganze ägyptische Landschaft mit Lotos und Lilie, Nilpferd und Krokodil, Ichneumon und Ibis nachbildeten, nach der Art der heute gebräuchlichen zusammenfassenden Reproduktionen der vorsintflutlichen Tierwelt, die Abel treffend »Menageriebilder« genannt hat. Kurz, Ägypten war in den ersten Jahrhunderten der römischen Kaiserzeit die große Mode. Wir werden hier wiederum an die Rolle erinnert, die die »Chinoiserien« im achtzehnten Jahrhundert gespielt haben. Von besonderer Bedeutung war in diesem Zusammenhang das Vordringen des Isiskults. Isis, mit Venus identifiziert, und Osiris, zum Serapis umgewandelt, eroberten, von allen kaiserlichen Dynastien gefördert, das ganze Römische Reich: bis nach Britannien und Pannonien verbreitete sich ihre Anbetung; »die ganze Erde«, sagt Tertullian, »schwört jetzt auf Serapis«. Isis war die Schutzheilige der leichtfertigen Frauen, ihre Tempel standen im Rufe, der Schauplatz galanter Abenteuer zu sein, und Lucian bezeichnet die Göttin geradezu als Kupplerin. Derselbe Lucian läßt in seiner Satire Der Rat der Götter den Momus zu Anubis sagen: »Du hundsköpfiger, in Leinen gehüllter Ägypter, wer bist du denn? Wie kannst du bellender Hund ein Gott sein wollen? Was für lächerliches Zeug ist aus Ägypten in den Himmel eingeschmuggelt worden! Wie könnt ihr Götter das nur mitansehen?« Zeus gibt zu, daß die ägyptische Religion abscheulich sei, »aber«, setzt er vorsichtig hinzu, »vieles an ihr ist ein Rätsel, und wer nicht in sie eingeweiht ist, soll nicht über sie lachen.« Sie wich nur sehr langsam dem Christentum: noch am Ende des vierten Jahrhunderts konnte man in Rom pomphafte isische Prozessionen erblicken, und der Isistempel auf der Nilinsel bei Assuan, die ein weltberühmter Wallfahrtsort war, wurde erst um die Mitte des sechsten Jahrhunderts in eine christliche Kirche verwandelt. Aber auch nach ihrem Sturz lebten die ägyptischen Götter noch als Gespenster und Zauberwesen weiter.

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