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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 76
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das China der Antike

Die Bevölkerungsziffer betrug nach zuverlässigen Schätzungen zur Pharaonenzeit sieben Millionen, ging im Mittelalter sehr zurück, hatte aber 1882, zur Zeit der englischen Besetzung, schon fast wieder die alte Höhe erreicht und ist heute auf das Doppelte gestiegen. Alexandria, zur Römerzeit eine Stadt von zwei Drittel Millionen Einwohnern, hat derzeit rund um hunderttausend weniger, war aber um 1800 ein Flecken mit kaum fünftausend Menschen. Nach Herodot gab es unter Amasis zwanzigtausend ägyptische Städte, nach Diodor beim 152 Regierungsantritt der Ptolemäer dreißigtausend; es werden aber wohl keine richtigen Städte gewesen sein. So lebte diese Bevölkerung in einer Dichte, die der unserer stärkstbesiedelten Industriebezirke entspricht, durch die Jahrtausende: melancholisch und heiter, intelligent und infantil, lärmend und lenksam, unermüdlich und genügsam: noch heute sind die Bedürfnisse des Fellachen äußerst gering, Maisbrot und Saubohnen, Gurken und Zwiebeln, Käse und Sauermilch seine Hauptnahrung, Kaffee und Wasserpfeife seine einzigen Genüsse. Die Sprache war immer nur ein Überwurf: unter dem Mantel des Griechischen, Arabischen, Türkischen, Französischen blieb der homo niliacus stets derselbe. Vielleicht war schon das Ägyptische eine Fremdsprache. Als der soeben erwähnte »Dorfschulze«, eine fünf Jahrtausende alte, etwa meterhohe Holzstatuette, ausgegraben wurde, riefen die Eingeborenen: »Das ist ja unser Schech el beled!«, und daher erhielt die Figur den Namen. Indes nicht nur die körperliche Erscheinung, sondern auch die Art zu gehen, zu stehen, zu sitzen, die Haltung bei den einzelnen Verrichtungen, beim Ackern, Backen, Drechseln, Tanzen, Wassertragen, und der Ausdruck der Gemütsbewegungen, der Freude, Zärtlichkeit, Trauer, Ehrerbietung ist noch heute der gleiche wie auf den Grabbildern des Alten Reichs. Und auch alle Fremdbürtigen bekamen über kurz oder lang den ägyptischen Habitus. Ein arabischer Autor des Mittelalters überliefert das ägyptische Sprichwort: »Wer das Wasser des Nils trinkt, vergißt sein Vaterland.« Selbst die importierten Rinderarten verschiedenster Rasse wurden immer wieder zum ägyptischen Rind, wie es die ältesten Darstellungen zeigen.

Dies ist das »Geheimnis Ägyptens«. Die anderen Geheimnisse des Nillands sind uns leider verschlossen. Die Legende, daß es kraft verborgener Mysterienweisheit den Schlüssel zu allen Welträtseln berge, ist, durch die Priester der Spätzeit 153 gefördert, von den Griechen aufgebracht worden und in der Form, in der sie sie überliefert haben, für uns wertlos; von ihnen stammt auch der Irrglaube, daß sich dort seit Jahrtausenden nichts geändert habe, denn sie lernten diese Kultur in einem Stadium kennen, wo sie nur noch leere Hohlform und Maske war: »Und wenn du nachforschst«, sagt Plato in den »Gesetzen«, »wirst du finden, daß die Malerei und Skulptur, die sie vor zehntausend Jahren (und das nicht so gesagt, sondern wirklich vor zehntausend Jahren) geschaffen haben, ihrer heutigen weder überlegen ist noch nachsteht, sondern aus derselben Kunstübung hervorgegangen ist.« Überhaupt haben die Hellenen Ägypten mehr angestaunt als erforscht. Daß einer von ihnen Ägyptisch verstand, war eine seltene Ausnahme, und unter der Ptolemäerherrschaft, als das Land voll von Griechen war, wußten sie über seine Geschichte weniger als der alte Herodot. Die alexandrinischen Gelehrten, die fleißigsten und findigsten Philologen und Altertumsforscher der vorchristlichen Ära, haben keine Spur von einer Ägyptologie entwickelt. Sie, die in alles ihre Nase steckten, hatten dicht vor ihrer Nase eine viel größere Fülle von Denkmälern als die heutigen Forscher, denn die schwersten Zerstörungen hat nicht die Zeit, sondern der Fanatismus der Christen und Mohammedaner verursacht, aber sie haben diese Schätze vollkommen ignoriert. Hierauf ist es auch zurückzuführen, daß die Hieroglyphen, die damals noch jeder gebildete Ägypter lesen konnte, so lange »Hieroglyphen« geblieben sind. Die Hauptquelle für die Kenntnis Ägyptens blieben für die Griechen während der ganzen Alexandrinerzeit die »Aigyptiaka« des Hekataios von Abdera, ein romanhaftes Werk, verfaßt unter Ptolemaios dem Ersten, das die ägyptischen Götter in der Manier des Euhemeros teils als personifizierte Naturgewalten, teils als vergötterte Heroen deutete und den Nilstaat als eine Art Mustermonarchie darstellte, in der väterliche Herrscher unter weisen Gesetzen 154 ihr Volk beglückten und zur Tugend führten: eine Stilisierung, wie sie ähnlich zur Zeit der französischen Aufklärung China widerfuhr. Auch Geschichten von Abenteurern, Räubern und verfolgten Liebenden spielten gern in Ägypten, ja die Phantasie der Romanschreiber machte sogar Homer zum Thebaner.

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