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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 75
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die ägyptische Rasse

In Oberägypten bestand denn auch zweifellos ein gewisser nubischer Einschlag, während von Norden her, aus Vorderasien und Südarabien, sich von jeher semitische Einflüsse geltend 148 gemacht haben, die durch die arabische Eroberung im siebenten nachchristlichen Jahrhundert verstärkt worden sind; aber echte Araber sind auch heute noch nur die Beduinen und Bruchteile der Großstadtbevölkerung. Der Ägypter hat sich zum Asiaten immer in einem Gegensatz empfunden. »Der elende Asiat, übel ist der Ort, wo er weilt, mit schlechtem Wasser, unzugänglich vor vielen Bäumen, und die Wege sind schlecht wegen der Berge. Nie wohnt er an demselben Ort und seine Füße wandern. Seit den Tagen des Horus kämpft er und siegt nicht, aber er wird auch nicht besiegt«, heißt es in einer Weisheitslehre aus der zweiten Hälfte des dritten Jahrtausends. Man ersieht daraus auch, was der Ägypter für das größte Unglück ansah: wandern und in den Bergen leben.

Die Nordafrikaner oder Hamiten, zuerst von italienischen Forschern als »äthiopische Rasse« bezeichnet, sind ein Zweig der weißen Menschheit, zu dem außer den Ägyptern die Galla, die Somali und einige andere Wüstenbewohner östlich des Nils und die Berber im Westen gehören, die Nachkommen der alten Libyer. Diese haben eine Haut, die nicht brauner ist als die eines Südeuropäers, und nicht selten blonde Haare und blaue Augen. »Wenn man«, sagt Theobald Fischer, einer der besten Kenner der Mittelmeerwelt, »einen dieser Bauern wie einen deutschen Bauern kleidete, niemand würde zweifeln, einen solchen vor sich zu haben.« Adolf Erman, der hervorragendste ägyptische Philolog der letzten fünfzig Jahre, rechnet sämtliche semitischen und nordafrikanischen Sprachen zu demselben großen Sprachstamm. Der Sprachbau des Ägyptischen ist deutlich semitisch: die Wortwurzeln, die Zahlwörter, das Pronominalsystem, die Konjugation, aber auch die Syntax. Auch zahlreiche lexikalische Übereinstimmungen waren ursprünglich vorhanden, haben sich aber im Laufe der Jahrtausende zum großen Teil abgeschliffen. Nicht wenige Forscher neigen daher der Ansicht zu, daß Semiten und Hamiten in Urzeiten Angehörige 149 einer gemeinsamen, der »protosemitischen« Rasse gewesen seien, von der sich die Ägypter durch Abwanderung nach Afrika differenziert hätten. Der Orientalist Fritz Hommel will überhaupt in der ganzen ägyptischen Kultur nur einen uralten Ableger der babylonischen erkennen: er leitet die Stufenpyramide von den Zikkurati, den siebenstufigen Tempeltürmen der Babylonier, ab; auch die Form der Vasen und Siegel, die Zeitrechnung, die älteste Bestattung in Feuernekropolen ist nach ihm babylonischen Ursprungs. Es ist dies der vielumstrittene Panbabylonismus. Aber alle diese Erwägungen über Sprache und Kultur, selbst wenn sie die festeste empirische Unterlage hätten, lassen das ebenso einfache wie einleuchtende Faktum außer acht, daß in Ägypten jene westliche Abspaltung der Ursemiten eben ägyptisch geworden ist. Dabei pflegt man im allgemeinen auch zu ignorieren, daß die Ägypter Söhne des heißen Afrika waren. Wir kennen sie allerdings nur unter dem Lack ihrer zum höchsten Stil kristallisierten Kunst und zur vollendetsten Etikette geronnenen Sitte. Wenn wir von den Spaniern der philippischen Zeit nichts wüßten, als was uns ihre Repräsentationsbildnisse, Komplimentierbücher und offiziösen Memoiren erzählen, würden wir von ihrer Glut und Härte auch nur wenig ahnen.

Der heutige Fellah, »Feldbesteller«, ist der unmittelbare Nachkomme der alten Ägypter. Seine Hautfarbe ist in Unterägypten hellbraun, wie bei uns nach fleißigen Sonnenbädern, und verdunkelt sich in Oberägypten bis zu tiefer Bronze. Auf seinen Friesen malte der Ägypter die Libyer weiß, die Asiaten gelb, die Nubier schokoladebraun, die Neger schwarz, sich selbst rotbraun, die Frauen hellgelb. Man erklärt dies damit, daß die Frauen sich mehr in den Häusern aufhielten, aber bei den Bäuerinnen trifft dies gar nicht zu, und auch die vornehmen Damen liebten leidenschaftlich das Leben im Freien, zudem würde sich darauf allein ein so krasser Unterschied im 150 Teint nicht zurückführen lassen; es hat sich also vielleicht um eine Galanterie gehandelt, die später zur Konvention geworden ist, oder, am wahrscheinlichsten, um eine bloße Farbensymbolik zur Unterscheidung der Geschlechter. Charakteristisch sind für den Fellah, ganz ebenso wie für den alten Ägypter, die breiten Schultern, der weite Brustumfang und der schwach entwickelte Bartwuchs. Die Frauen, mit großen, glänzenden, mandelförmigen Augen, schweren dunklen Wimpern, langen blauschwarzen, seltener kastanienbraunen Flechten, sind zartgliedrig, schmalhüftig, sehr anmutig. Die Ägypterin hat zu allen Zeiten dem modernen Schönheitsideal des flachbrüstigen Ephebenkörpers entsprochen; auf alten Porträts, die nicht durch eine bestimmte Kleidung gekennzeichnet sind, ist oft das Geschlecht nicht festzustellen. Überhaupt ist der Ägypter durch eine sehr geringe Neigung zur Fettleibigkeit ausgezeichnet: In den Darstellungen aller Perioden begegnet uns immer wieder derselbe schlanke, sehnige Typus. Aber sicher hat es auch immer Dicke gegeben: schon im Alten Reich wurden sie karikiert, der berühmte »Dorfschulze« ist ein Mann von sehr stattlichem Embonpoint, und das Kalksteinsitzbild des Prinzen Hemon, aus der Zeit der vierten Dynastie, zeigt hinreißend individualisiert einen Bonvivant von witzigem und verschmitztem, aber nicht sehr tiefsinnigem Gesichtsausdruck, der trotz jugendlichen Alters schon reichlich Amüsierfett angesetzt hat.

Noch näher als die Fellachen stehen den alten Ägyptern die Kopten (welcher Name vom arabischen Gypti, Ägypter, herkommt), da sie sich infolge ihrer Religion völlig rein erhalten haben. Sie sind die Nachfahren jener christlichen Ägypter, die sich im fünften Jahrhundert als »Eutychianer« oder »Monophysiten« von der Kirche abgespalten haben, als diese die Lehre des Eutyches, daß zwei Naturen in Christus nur vor dessen Menschwerdung zu unterscheiden seien, nachher aber alles Menschliche in seinem göttlichen Wesen aufgegangen sei, im 151 Konzil zu Chalcedon verwarf und den Diphysitismus festsetzte: zwei Naturen, unvermischt, aber auch unzertrennlich, sind in der einen Person Christi vereint. Die Kopten stehen unter dem Patriarchen von Alexandria, der aber heute in Kairo residiert und zugleich das Oberhaupt der abessinischen Kirche ist, und sind der intelligenteste und geschickteste Teil der Bevölkerung. Man muß aber im Auge behalten, daß sie, obgleich sie sich niemals mit der »mohammedanischen Rasse« gekreuzt haben, nur als eine Fortsetzung des altägyptischen Kleinbürgers gelten können; die »feine« ägyptische Rasse, ein Produkt äußerster Hochzüchtung der herrschenden Schichten, ist heute ebenso ausgestorben wie die Inkarasse. Man kann an den Bildsäulen der Könige, Prinzen und Würdenträger deutlich verfolgen, wie der Typus sich immer mehr raffiniert und bis zur Dekadenz adelt. Obgleich die Ägypter eine Aristokratie in unserem Sinne niemals gekannt haben, so gab es doch auch bei ihnen so etwas wie blaues Blut. Die Königin Nofretete verhielt sich zu einem gewöhnlichen Ägypter genauso wie die Kaiserin Elisabeth zu einem Münchener Spießer. Auf vielen Statuen findet sich das stereotype süßschmerzliche Lächeln, das als »archaisch« angesprochen wird, aber gerade bei den späteren Bildnissen häufiger auftritt: Es ist das Merkmal uralter hochkultivierter Rassen, kennzeichnet noch heute den vornehmen Chinesen und begleitete die französische Creme bis zur Guillotine.

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