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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 72
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die ägyptische Luft

Auch das Klima ist höchst gleichmäßig. Ägypten gehört zur Passatzone, dem regenlosen Gürtel der Erde. In Oberägypten regnet es überhaupt nicht, im Delta zur Winterzeit an etwa 25 Tagen; doch handelt es sich immer nur um kurze, obschon bisweilen sehr heftige Sturzgüsse, die auch von Gewitter 142 begleitet sein können, was auf die Ägypter immer einen großen Eindruck gemacht und sich in ihrer Bildersprache niedergeschlagen hat: wenn ein König eine Stadt erobert, so »nimmt er sie wie eine Wasserwolke«, Ramses der Zweite ist »ein lautbrüllendes Unwetter für die Fremdländer«. Die Ernte ist also von der Witterung im Delta nahezu, in Oberägypten gänzlich unabhängig. Die Landwirtschaft Ägyptens war im Altertum autark und versorgte zur Kaiserzeit ganz Rom mit Getreide; seither ist das Korn der Baumwolle gewichen, mit der mehr als ein Drittel des anbaufähigen Bodens bepflanzt ist, so daß das Land jetzt einen Teil seiner Nahrungsstoffe einführen muß. Die ägyptische Baumwolle gilt als die beste, ebenso vorzüglich ist der Reis, der im Delta, und das Zuckerrohr, das in Mittelägypten gebaut wird. Von Produkten, die dem alten Ägypten unbekannt waren, erzeugt das heutige außerdem noch die Schalotte, eine besonders feine Zwiebelart, die einen bedeutenden Ausfuhrartikel nach Europa bildet, und den Tabak oder vielmehr die Zigarette, denn in den dortigen Fabriken wird bloß mazedonisches und kleinasiatisches Kraut zu den berühmten »Ägyptischen« verarbeitet. Man führt die Qualität auf das Klima zurück, das einen besonderen Gärungsprozeß hervorrufen soll; man kann sich aber auch an Mulford halten und annehmen, daß es der Genius loci des uralten Kulturlandes ist, der der Rauchware ihr vornehmes Aroma verleiht. Umgekehrt verhält es sich mit Nordamerika, wo das prachtvollste Obst und Gemüse wächst, das aber nach gar nichts schmeckt. Neuerdings wird dort auch mechanisch gemolken: eine solche Milch kann unmöglich mehr ein Genußmittel sein.

Die Luft Ägyptens ist infolge der doppelten Nachbarschaft der Wüste von wunderbarer Reinheit und Trockenheit. Sie bewirkt, daß auch die größte Hitze ohne Beschwerden ertragen wird, da die Körperfeuchtigkeit sofort auf angenehm kühlende Weise verdunstet. Aus demselben Grunde behält auch das 143 Wasser in porösen Tongefäßen eine erquickende Frische. Die Nächte sind immer kühl, und gegen Morgen kann es sogar empfindlich kalt werden. Die Trockenheit ist auch die Ursache, warum sich in Ägypten Mumien, Papyrusrollen, Gewebe, Wasserfarbenmalereien und andere vergängliche Objekte in so staunenswerter Unversehrtheit erhalten haben. Weniger erfreulich sind die ägyptischen Plagen der Heuschrecken und Skorpione, Fliegen und Stechmücken. Der Fliegenwedel war das ständige Attribut des vornehmen Altägypters und, gemeinsam mit dem Krummstab, sogar das Abzeichen königlicher Gewalt. »Wedelträger zur Rechten des Königs« war eine hohe Hofcharge, etwa unserem Kämmerer vergleichbar, und das Moskitonetz, das auch Herodot erwähnt, ist am Nil ein unentbehrliches Nachtrequisit.

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