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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 71
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die große Oase

Assuan, wo der Strom den letzten Granitriegel sprengt, hieß im Altertum Syene: dort wurde das härteste Gestein 140 gebrochen, der dunkelfarbige Syenit. Gegenüber lag auf einer Insel die Ortschaft Ab, von den Griechen Elephantine, die »Elfenbeinstadt«, genannt; wie der Name sagt, war dies der Sammelplatz für den Tauschhandel mit Nubien: die Gouverneure von Elephantine führten den etwas umständlichen, aber stattlichen Titel »Karawanenführer, der seinem Herrn die Erzeugnisse der Fremdländer überbringt«; auch das arabische Suan bedeutet Marktplatz. Erst von hier an bildet das Fruchtland einen breiten Saum, und dies ist die Αἴγυπτος: dieses griechische Wort ist, wie man vermutet, eine Umbildung von het-Ka-Ptah, Haus des Geistes des Ptah, der seit uralten Zeiten der Gott von Memphis war; die Ägypter selber nannten ihre Heimat kemet, das schwarze Land (im Gegensatz zur Wüste, dem Rotland, und daher stammt auch der Name des Roten Meers: Meer des Rotlands) oder auch to, das Land, wie auch der Nil bei ihnen sowohl hapi als auch einfach jotru, der Fluß, hieß. Seine stärkste Ausdehnung hat das Kulturland natürlich im Delta, wo es sich zu einem grünen Fächer öffnet, dessen größte Breite etwa 250 Kilometer beträgt; dieses Gebiet war ursprünglich, wie schon Herodot richtig vermutet, ein Meerbusen. Überhaupt darf man nicht annehmen, daß die Karte des Altertums genau dieselbe war wie die heutige. Durch Frost, durch die Kohlensäure des Regenwassers, durch spaltende Bakterien verwittern die Gesteine und verwandeln sich in Humus, das fließende Wasser nagt an ihnen, auch der Wind übt eine abschleifende Wirkung aus. Außerdem finden fortwährend Senkungen und Hebungen des Landes statt. Viele Orte, die früher einmal Häfen waren, liegen heute landeinwärts, andrerseits gibt es »ertrunkene« Gebirge und Täler. Das Delta wächst noch heute immer mehr ins Mittelländische Meer hinein.

Die hervorstechendste geographische Eigentümlichkeit Ägyptens ist seine scharfe Isolierung: im Westen durch die libysche, im Osten durch die arabische Wüste, im Süden durch die 141 Katarakte und im Norden durch das Delta, das sich zur Anlage von Häfen sehr wenig eignet und besonders im Winter von heftigen Stürmen heimgesucht wird. So innig die Ägypter sich mit ihrem Strom verbunden fühlten: für das »große Grüne«, wie sie das Mittelmeer nannten, haben sie nie viel übrig gehabt; ein arabisch-ägyptisches Sprichwort lautet: »Das Bauchknurren der Kamele ist besser als das Gebet der Fische.« Was nicht zum flachen Fruchtland gehörte, war für den Ägypter die Fremde: er bezeichnete Gebirge, Wüste und Ausland mit demselben Wort und derselben Hieroglyphe: XXX. Diese »Oase größten Stils«, wie Eduard Meyer Ägypten nennt, hat eine Länge, die etwa der Entfernung von Berlin bis Florenz oder von Wien bis Bukarest entspricht, umfaßt aber an Flächeninhalt nur etwa neun Zehntel des Königreichs Belgien. Der Ägypter dachte sich die Erde als langgestreckte Fläche, die in ihrer ganzen Ausdehnung von einem breiten Strom durchflossen wird, ringsherum erheben sich hohe Gebirge, auf ihnen ruht als ebene Platte der Himmel, von dem die Sterne als Lampen herabhängen: dies ist in der Tat ein schematisches Bild Ägyptens. Hier gibt es keinerlei Romantik: keine wilden Heiden und schwarzen Wälder, bunten Wiesen und moosgrünen Felsen, glitzernden Bäche und rauschenden Quellen; wie auf seinen Friesen bot die Landschaft dem Ägypter nur einförmige tapetenhafte Wiederholung: weiße Nilschlammhütten, spärliche Palmengruppen, gelbbraune kahle Berggalerie, geometrisch eingedeichte Ackererde. Und wie der Raum, so die Zeit: der Rhythmus des Nils hebt und senkt sich mit der Regelmäßigkeit des Pulsschlags: alljährlich zur selben Zeit Sintflut und Ebbe.

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