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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 69
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Nil

Ägypten ist nach einem Wort Herodots, das seither immer wieder zitiert worden ist, »ein Geschenk des Nils«; aber woher Nil und Nilschwelle kämen, war den Ägyptern ein Rätsel. Auch für den Römer bedeutete »caput Nili quaerere« so viel wie: sich mit etwas Fruchtlosem abgeben, und Lactantius, der »christliche Cicero«, kennzeichnete die Eitelkeit alles weltlichen Wissens mit den Worten: »Selbst wenn ich wüßte, wo der 137 Nil entspringt – könnte mich das selig machen?« Die Quellen des Nils wurden erst in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts drei Grad südlich vom Äquator entdeckt; die beiden großen zentralafrikanischen Seen, die er durchströmt, heißen nach dem damaligen englischen Herrscherpaar Victoriasee und Albertsee. Mit seiner Gesamtlänge von mehr als 6000 Kilometer ist er der zweitlängste Fluß der Erde; nur der Mississippi-Missouri übertrifft ihn. Nachdem er in seinem Oberlauf, der »Weißer Nil« genannt wird, etwa die Hälfte der gesamten Stromlänge zurückgelegt hat, nimmt er bei Khartum aus den abessinischen Bergen einen bedeutenden Nebenfluß auf, der wegen seines dunklen Schlammgehalts im Gegensatz zum weißgelben Hauptstrom »Blauer Nil« heißt. Weiter nördlich empfängt er noch eine zweite Wasserader, den ebenfalls in Abessinien entspringenden Atbara. Dann macht er eine riesige S-förmige Krümmung, indem er eine weite Strecke lang geradezu rückwärts fließt, gelangt bei Wadi Halfa, etwa 1500 Kilometer vom Meer entfernt, nach Unternubien, das von den Ägyptern in den Zeiten ihrer Großmacht als Reichsgebiet angesehen wurde, und betritt bei Assuan, 1100 Kilometer vom Meer, endlich das eigentliche Ägypten. Höchstens ein Viertel des Nillaufs darf demnach als ägyptisch gelten.

An sechs Stellen ist es dem Nil nicht gelungen, sich durch die vorgelagerten Granitdämme ein vollkommen glattes Bett zu graben. Dies sind die Katarakte, keine eigentlichen Wasserfälle, aber Stromschnellen von sehr erheblichem Gefälle. Da sie die Schiffahrt sehr erschweren, haben sie zu allen Zeiten Grenzbedeutung gehabt. Am sechsten Katarakt (der eigentlich der erste heißen müßte) liegt Khartum, die Hauptstadt des angloägyptischen Sudan, ihr gegenüber befand sich in den achtziger Jahren, zur Zeit des Eingeborenenaufstands, in Omdurman die Residenz des Mahdi; am zweiten Katarakt liegt Wadi Halfa, am ersten Assuan. Etwas über 150 Kilometer südlich vom Meer 138 gabelt sich der Nil und umschließt ein breites Landdreieck, das die Griechen mit ihrem Buchstaben Delta verglichen, wovon es noch heute seinen Namen trägt. Die beiden heutigen Mündungsarme heißen der Nil von Rosette und der Nil von Damiette; im Altertum gab es deren sieben. Man bezeichnet das Delta als Unterägypten, das Gebiet von da bis Assuan, das »vordere Land«, wie es die Ägypter nannten, als Oberägypten. Unter den Ptolemäern und den Römern unterschied man Delta, Heptanomis oder Mittelägypten (etwa bis Tell el Amarna) und Thebaïs (südliches Oberägypten).

Die Orientierung nach dem Nil war dem Ägypter so selbstverständlich, daß er für »nördlich« stromab, für »südlich« stromauf sagte und den Euphrat, dessen Lauf von Norden nach Süden gerichtet ist, das »verkehrte Wasser« nannte, das »stromab geht, wenn es stromauf fließt«, ja er bezeichnete sogar die Landreise nach Nubien als Stromauffahrt, nach Syrien als Stromabfahrt. Dies hing auch damit zusammen, daß dem Ägypter überhaupt die Beförderung zu Schiff als die einzig natürliche erschien. Sie war nach Norden ein einfaches, durch Ruder reguliertes Treibenlassen des Fahrzeugs, ging aber auch gegen den Strom infolge des fast beständig wehenden kräftigen Nordwinds mit Segeln recht flott vonstatten. Einen dauernden Anlaß zum Kentern boten die vielen Sandbänke; daher ist der Pilot mit dem Suchlot eine wichtige Person. Dazu kamen als ungemütliches Detail, das heute fast ganz verschwunden ist, die lebendigen Sandbänke: in grauer Unbeweglichkeit tückisch lauernde Krokodile; in Ombos, der Heimat des Gottes Seth, der einst Krokodilgestalt angenommen hatte, galt es allerdings als Ehre, von einem Krokodil gefressen zu werden. Der Nilbarke bedienen sich selbst die Götter, der Tote macht auf ihr seine letzte Fahrt, und auch im Jenseits kann er sie nicht entbehren: tönerne Schiffchen finden sich unter den ältesten Grabbeigaben.

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