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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 68
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das potamische Tempo

Carl Ritter unterscheidet drei Stufen in der Entwicklung der großen historischen Kulturen: die potamische, die an großen Flußläufen, die thalassische, die an Binnenmeeren, und die ozeanische, die an den Weltmeeren entsteht. Zur potamischen Gruppe gehören die ältesten Kulturen, von denen wir Kunde haben: die vorderasiatische am Euphrat und Tigris, die indische am Indus und Ganges, die chinesische am Hoangho und Jangtsekiang und die ägyptische am Nil. Man könnte sie auch die 136 subtropische nennen. Ist dieses Klima vielleicht überhaupt das günstigste für die Entwicklung hoher Kulturen? Die ganze Geschichte des Altertums würde es bestätigen; die Neuzeit bestätigt es nicht. In diesem Zeitraum lagen die beherrschenden Zentren: Paris, Berlin, Petersburg, im Norden, England errang die Weltherrschaft, und die drei unbestreitbar größten Dichter der ausgehenden Neuzeit: Ibsen, Strindberg und Hamsun waren ein Geschenk des kleinen Skandinavien. Hingegen waren die beiden einzigen hohen Kulturen, die das vorkolumbische Amerika hervorgebracht hat, die peruanische und die mexikanische, Tropengewächse. Mit der Geographie kommt man eben beim Menschen nicht aus.

Eine gewisse pflanzenhafte Trägheit des Stoffwechsels, ein eigentümliches Andante des Lebenstempos scheint allen potamischen Kulturen gemeinsam zu sein. In ihren Biographien zählen erst die Jahrtausende; der Chinese und Inder lächeln noch heute über unsere Raschlebigkeit. Das Zweistromland hat allerdings sehr bewegte Schicksale gehabt, viele Völker kamen und gingen; aber unser Blick vermag sie nicht zu unterscheiden: wie Statisten ziehen sie an uns vorüber. Sehr schön sagt hierüber Ernst Curtius in seiner »Griechischen Geschichte«: »Es erfolgen Umwälzungen, aber keine Entwicklungen, und mumienartig stockt im Tale des Nils die Kultur der Ägypter; sie zählen die einförmigen Pendelschläge der Zeit, aber die Zeit hat keinen Inhalt; sie haben Chronologie, aber keine Geschichte im vollen Sinne des Wortes.«

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