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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 67
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Wunderlampe

Als Goethe Schiller die Urpflanze aufzeichnete, schüttelte dieser den Kopf und sagte: »Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee!«, was Goethe zwar nicht sogleich, aber wenige Jahre später einsah, indem er erklärte, das Urbild, das er von der Pflanze entworfen habe, gelte »nicht den Sinnen, doch dem Geiste«; und noch später gestand er geradezu: »Die Idee ist in der Erfahrung nicht darzustellen, kaum nachzuweisen; wer sie nicht besitzt, wird sie in der Erscheinung nirgends gewahr.« Die Idee ist eine Wunderlampe, die, von einem höheren Lichte gespeist, in die dunkle Wirklichkeit hineinleuchtet. Sie gestaltet sowohl unser Wissen wie unser Leben: jenes, indem sie uns zur tieferen unsichtbaren Wahrheit des Tatsächlichen leitet, dieses, indem sie uns erzieht, zu sich hinanzieht. Sie ist eine moralische Forderung oder, wie Kant es ausdrückt, »ein Postulat der praktischen Vernunft«: die Ideen, sagt dieser, geben keine Gesetze, sondern nur eine Richtschnur, sie sind nicht konstitutive, sondern regulative Prinzipien; was sie feststellen, ist kein Gegenstand, sondern ein Ziel, eine Aufgabe.

Rasse ist anfangs nicht einmal eine Idee, sondern noch 135 weniger: ein Ideal; aber dieses stets gegenwärtige Ideal, aus dem Leben geboren und Leben zeugend, bewirkt, daß schließlich wirklich eine Rasse entsteht. Dies klingt wie ein Zirkelschluß, aber Natur und Geschichte arbeiten sehr oft mit Zirkelschlüssen, ja man kann fast sagen: es ist ihre charakteristische Methode. Schwindet, zerfällt, »atrophiert« dieses Ideal, indem es seine Stärke und Reinheit einbüßt, so geht die Rasse, die Nation, das Gemeinwesen unter. Rom, Athen, Sparta starben; nicht durch das Gift der Vermischung mit Barbaren, sondern weil ihr Ideal dahinsank.

Rasse ist ein Imperativ. Weil die Rasse eine Idee ist, kann sie niemals voll verwirklicht werden. Weil die Rasse eine Idee ist, soll sie verwirklicht werden. Der Mensch ist dazu da, das Unmögliche zu wollen. Dies ist seine Begnadung, sein heiliges Privileg. Er ist, angefüllt mit allen seinen Widersprüchen, die wandelnde Utopie und immer auf dem Wege zu noch höheren, noch paradoxeren, noch unmöglicheren Utopien. Er hat eine große Liebe zur Vergangenheit, eine noch größere zur Zukunft, diesen beiden Irrealitäten, die nur in der Idee erreichbar sind, eine sehr geringe zur Nähe und Gegenwart. Wir sind Wesen, die ewig werden. Was wir sind, geht uns nichts mehr an.

So haben auch die Ägypter sich fünf Jahrtausende lang gesucht. Und wir stehen wieder vor der unbeantworteten Anfangsfrage: Was war früher: die Landschaft oder die Seele, Ägypten oder der Ägypter?

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