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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 66
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Typus und Idee

Die realisierte Idee ist der Typus, der sich aber nur in der natürlichen Welt vorfindet, niemals in der geistigen. Je tief er auf der Leiter der Schöpfung wir hinabsteigen, desto reiner, klarer finden wir den Typus verwirklicht: am schönsten im Mineralreich mit seinen scharfgekanteten, gradwinkligen, spiegelflächigen Gebilden, seinen Würfeln und Polyedern, Pyramiden und Säulen, die sich sogar in geometrische Systeme bringen lassen. Aber auch in der Pflanzen- und Tierwelt regiert noch der Typus. Man nehme zum Beispiel drei so bizarre Gebilde wie: die indische Rafflesia, die mit ihren fetten rötlichweißen Blumenblättern und ihrem intensiven Aasgeruch von einem Riesenfetzen verfaulten rohen Fleisches kaum zu unterscheiden ist, die Gottesanbeterin oder ihre noch groteskere Kusine, die 133 Teufelsanbeterin, deren Seidenflügel, im zartesten Creme, Weiß und Violett schimmernd, einer Blume zum Verwechseln ähnlich sehen, und das Seepferdchen, zweifellos ein höchst sonderbarer Fisch mit seiner veritablen Pferdeschnauze, dem affenartigen Greifschwanz, den großen runden Augen, von denen es jedes für sich zu bewegen vermag, der chamäleonhaft wechselnden Schutzfärbung, durch die es sich den blauen, grünen und braunen Tangwiesen des Meeresgrundes anpaßt, und der kugelförmigen Bruttasche, die in jener verkehrten Welt das Männchen trägt. Aber wenn man von diesen höchst eigenartigen Geschöpfen ein einziges gesehen hat, so kennt man alle. Die bekannte Scherzfrage, was die einzelnen Nationen täten, wenn man sie fragt, was ein Kamel sei, schließt mit der Pointe: der Deutsche würde sich auf seine Studierstube begeben und dort den Begriff des Kamels aus der Tiefe seines Gemüts konstruieren. Der Deutsche hat aber gar nicht so unrecht. Denn wenn man (was allerdings nur eine theoretische, keine praktische Möglichkeit ist) sämtliche Merkmale des Kamels angeben könnte, so wäre es möglich, sein Bild auf dem Zimmer zu konstruieren. Wir versuchen etwas Ähnliches ja auch tatsächlich bei den vorweltlichen Tieren, und das Resultat fällt nur deshalb unvollkommen aus, weil wir eben nicht alle Bestimmungsstücke beisammenhaben. Aber einen Menschen nachzubilden ist unmöglich, auch wenn wir das reale lebende Exemplar vor uns haben: das lehrt die Fotografie. Obgleich sie vollkommen exakt und physikalisch arbeitet oder vielmehr, weil sie dies tut, ist sie unfähig, eine Geisteserscheinung wiederzugeben. Man könnte es auch kurz so ausdrücken: bei den Pflanzen und Tierrassen konstituiert die Summe der Merkmale die Einzelexemplare, bei den Menschenrassen die Summe der Einzelexemplare die Merkmale. Dies eben ist der Unterschied zwischen Typus und Idee. Was eine Fledermaus ist, kann ich an jedem unversehrten Individuum erschöpfend und eindeutig 134 feststellen; was ein Ägypter ist, nur durch einen Flug durch Zeit und Raum, über die langen Jahrtausende und das weite Nilland, durch Zusammenschau möglichst vieler Individuen, die alle den Ägypter nicht rein darstellen; und erschöpfend kann ich es niemals. Und doch war er da und lebt noch heute in unserem zurückschweifenden Blick; aber beide Male nur ein Geist.

Die Idee erscheint niemals in der Realität, sondern bildet bloß deren gestaltendes Prinzip; der Typus erscheint nur in der Realität. Deshalb liegt um die Namen von Völkern und Rassen ein magischer Glanz. Löwe und Adler sind heroische Begriffe, aber sie sind fertig geworden; Begriffe wie »Römer« oder »Gote« sind niemals fertig geworden: nach dem Tode aller ihrer Träger lebten sie weiter in römischer Kirche und gotischer Kunst.

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