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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 65
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Ethik des Zimmers

Jede Schöpfungstheorie, die mit der Biologie allein auszukommen meint, ist darwinistischer Materialismus und mit der 130 Unzulänglichkeit dieser Interpretationsweise behaftet. Der Lamarckismus, obgleich ein halbes Jahrhundert älter als der Darwinismus, ist zweifellos das universellere und vorurteilslosere System. Auch Fechner betonte gegen den Darwinismus, sogleich bei dessen Debüt, die Wichtigkeit des »psychischen Strebens« für die Ausbildung neuer Organe, und Schopenhauer erklärte lange vor Darwin sehr treffend und anschaulich, jedes Organ sei eine »fixierte Sehnsucht«, der Ausdruck eines Willensakts. Dies läßt sich ja auch in der Tat im kleinen alltäglich beobachten. Der oft Zornige bekommt die Zornader, der Rührselige Tränensäcke, der Denker ein »durchgeistigtes« Antlitz, der Fromme ein »weltabgewandtes«, der Habgierige, Neidische, Rachsüchtige ein »verzerrtes«; alte Ehepaare werden einander ähnlich. Es gibt intelligente, brutale, sensitive, asketische Hände, nicht vererbt, sondern als Charakterprodukt (auch bin ich fest überzeugt, daß geradedenkende Menschen niemals krumme Beine haben). Sollten diese Dinge, die jedes Kind weiß, bei der Entstehung der Arten keine Rolle gespielt haben? Was man andauernd und intensiv sich denkt, sich vorstellt, wird man schließlich: das schöne deutsche Wort »sich etwas einbilden« drückt dieses Verhältnis zwischen geistiger Ursache und physischer Wirkung sehr plastisch aus. Der 1891 verstorbene amerikanische Philosoph Prentice Mulford, ein genialer Dilettant wie seine Landsleute Whitman und Emerson, hat über dieses Thema einige unsterbliche Essays verfaßt. Nach seiner Überzeugung gibt es keine Grenzlinie zwischen Geist und Materie: »Die Materie ist nur die Form des Gedankens, die sich den äußeren Sinnen offenbart«; »jeder unserer Gedanken ist eine Realität, eine Kraft (bitte sich das zweimal vorzusagen)«; »jede Imagination ist eine unsichtbare Realität, und je länger, je intensiver sie festgehalten wird, desto mehr von ihr wird sich in jene Form des Seins umsetzen, die man fühlen, sehen, berühren, wahrnehmen kann.« Kurz: »Ein Gedanke ist 131 so wirklich wie ein Telegraphendraht.« Häßlichkeit der Mienen entspringt stets der unbewußten Übertretung eines Gesetzes; ist der herrschende Ausdruck auf einem Gesicht die Grimasse, dann grimassieren auch die Gedanken hinter dieser Stirn: »Die Rolle, die wir am häufigsten spielen, wird dem Leib, der Maske dieser Rolle, den herrschenden Ausdruck verleihen.« Dieser Einfluß des Geistes erstreckt sich, wie Mulford in seinen »Gedanken über den Gebrauch eines Zimmers« darlegt, sogar auf die »tote« Materie: »Jedes Zimmer ist mit der geistigen Substanz der Zwecke erfüllt, denen es dient. In einer Kirche webt Andacht, auch wenn sie leer ist. Eine Bar – auch am Vormittag, wenn niemand darin ist – stimmt weniger andächtig. In Zimmern, wo Mord, Raub oder Betrug lange geplant oder auch nur bedacht wurden – gleichviel, ob diese Pläne und Gedanken Tat wurden oder nicht – liegen Mord, Raub und Betrug in der Luft. Ein Zimmer, in dem nur Geschäftliches gedacht und gesprochen wird, füllt sich mit Geschäftsgeist. Wenn du deine Arbeitsstätte zum Tummelplatz schwatzhafter Unterhaltung von Tagedieben und niedriger Scherze machen läßt, wird sich eine schädliche Atmosphäre bilden, die dich hemmen wird.« Ähnliche Beobachtungen hat wohl jedermann schon gemacht, ohne sich vielleicht darüber Rechenschaft gegeben zu haben. Orte, die der Schauplatz von Bluttaten waren, sind mit Recht verrufen. In dem Volksglauben, daß in Schlössern, die lange von demselben Geschlecht bewohnt wurden, dessen Tote umgehen, das heißt: ihr Geist dort noch lebt, liegt ein tiefer Sinn. Es ist bekannt, daß neuerbaute Schauspielhäuser anfangs keine gute Resonanz haben, sie müssen »eingespielt« werden: erst dadurch, daß viele sprechen und hören, werden sie akustisch. Bei berühmten alten Theatern spricht man von der »Weihe des Hauses«; Konzertsäle, in denen andauernd minderwertige Musik gemacht wird, bekommen eine ordinäre Akustik. Eine Violine, auf der ein Virtuose regelmäßig zu spielen pflegt, klingt 132 ganz anders als eine Schülergeige. Selbst alte Weinstuben haben eine eigentümliche Aura: es wird behauptet, daß man in ihnen leichter betrunken wird. Man kann daher ohne allzu große Paradoxie von der Rasse eines Raumes, eines Klaviers, eines Erdflecks sprechen. Es gibt allerdings Personen, die alle diese Phänomene als »Autosuggestion« abtun wollen: diese kann ich nur als Esel bezeichnen.

Genau in dem Augenblick, als der Mensch das Bedürfnis empfand, durch das tausendfach vervielfältigte Wort in die Breite und Weite zu wirken, entstand die Druckerpresse; als er begann, die Welt und sich selbst als Mechanismus zu konzipieren, folgte auf dem Fuße die Geburt der Dampfmaschine; und als sein Auge anfing, impressionistisch zu sehen, flammten Bogenlampen und Glühbirnen auf, die Nacht in ihren flimmernden Lichtmantel hüllend, um ein neues Sehbild zu bestätigen. Die ganze Welt besteht aus Materialisationen, sichtbaren und unsichtbaren!

Und damit gelangen wir zur Auflösung unserer Antinomie: Die Rasse ist das wirklichste und das unwirklichste Ding von der Welt, nämlich eine Idee.

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