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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 64
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Geburt aus dem Unsichtbaren

Es handelt sich bei den genannten Varianten jedesmal um bestimmte Gruppe von Vorstellungen, die sich zunächst zu gewissen geistigen und seelischen Eigenschaften kristallisieren, schließlich aber sogar in physiologischen Merkmalen niederschlagen. Wenn durch eine Anzahl von Generationen eine Religion geglaubt (nicht bloß bekannt) wird, so müssen die 129 Sprößlinge unfehlbar den puritanischen Gesichtsschnitt, das buddhistische Phlegma, den mosaischen Tonfall, die römische Nase, den griechischen Blick, die konfuzianische Gebärde bekommen. Auf ganz ähnliche Weise entstehen die einzelnen Nationen: durch Weltanschauung. Die plastische Potenz, die ein Volk formt, bindet und abgrenzt, ist das gemeinsame Schicksal. So bildet sich allmählich eine Summe von Elementarvorstellungen, Monaden im leibnizischen Sinne, die, für jedes Volk spezifisch, die Sternenwelt seines »Nationalgefühls« aufbauen. Die Volksglieder erkennen wie Geheimbündler einander an diesen Elementarzeichen, die die »anderen« meist gar nicht verstehen und mißtrauisch, ja feindselig betrachten. Jedes Volk hat seine eigene Klaviatur und Kategorientafel: bestimmte Gesten, Vokabeln, Begriffe, Tonarten, Seelenfarben. Vom rein biologischen Standpunkt ist die Entstehung einer neuen Nation oder Rasse gar nicht zu erklären, denn Kreuzung und Vererbung der seit undenklichen Zeiten über die Erde wirr verstreuten Komponenten könnten nur ein immer charakterloseres Chaos ergeben. Wann wird aus einem Agglomerat von Bastarden eine Rasse? Wenn es eine Seele bekommen hat.

Und dabei haben wir die ebenso großartige wie geheimnisvolle Möglichkeit noch ganz außer acht gelassen, daß auch ganz von selbst, nicht durch Kreuzung, nicht durch Vererbung erworbener neuer Eigenschaften, nicht durch geistige Umwelt, sondern spontan, plötzlich, konvulsivisch neue Rassen, Völker, Kulturen emportauchen können, aus dem »Unsichtbaren des Hades«, dem dunkeln Schoße der Zeit und Ewigkeit, der nichts von Züchtung und Anpassung weiß! Ja vielleicht ist sogar die Geburt jeder neuen Menschenvarietät eine solche Genesis im wahrsten und erhabensten Sinne des Wortes, eine Schöpfung aus dem Nichts.

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