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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 63
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Religionsrassen

Hier berühren wir schon das Gebiet der geistigen Umwelt und ihrer verwandelnden Kräfte. An der Spitze steht hier die Religion. Es entsteht nicht, wie positivistische Flachheit glaubt, aus einer Rasse eine Religion, als eine ihrer vielen Früchte, sondern die Religion ist der Mutterleib der Rasse. Man kann ohne allzu große Übertreibung sagen, daß es vor Mohammed noch keine Araber, vor Moses noch keine Israeliten, vor Homer noch keine Hellenen, vor Odin (der sicher gelebt hat) noch keine 127 Germanen gegeben hat. Die Identität zwischen Religion und Nation ist noch dem ganzen Altertum eine Selbstverständlichkeit gewesen. Der wirkliche Herr des Landes ist der Gott; wird das Land erobert, so wird auch der Gott abgesetzt. »Was einen Gott hat«, sagt der epochemachende Orientalist Hugo Winckler, »ist ein Volk; und nur das ist ein Volk, was einen eigenen Gott besitzt.« Vortrefflich erläutert Spengler im Untergang des Abendlandes, daß der Begriff der Kirche, den die Spätantike geschaffen hat, nichts anderes bedeutet als »eine Nation magischen Stils«: »wer dem Glauben angehört, gehört zur Nation; es würde frevelhaft sein, ein anderes Merkmal auch nur anzuerkennen«; »unter dem Namen Griechen hat zuerst das Heidentum als Nation die Christen, dann das Christentum als Nation den Islam bekämpft«.

Die Gemeinschaft der Moslim war ursprünglich ein buntgewürfeltes Gemenge aus allen möglichen Völkern, Stämmen und Rassen: Persern, Syrern, Ägyptern, Berbern und noch vielen andern; durch die Einheit des Glaubens sind sie alle Araber geworden. Der Norden Afrikas vom Roten Meer bis zu den Kanarischen Inseln ist noch heute hamitisch; da er aber islamisiert wurde, so muß man diese ganze Bevölkerung als arabisch bezeichnen, was auch jedermann in der Praxis tut, während die »Wahrheit«, von rein wissenschaftlichem Interesse, in die Lehrbücher der Ethnographie verbannt bleibt. Auch die »Bosniaken«, ein uralter, fast rein gebliebener südslawischer Menschenschlag, der einstmals den Kern des großserbischen Reichs bildete, gelten allgemein als Türken, weil sie unter deren Herrschaft Mohammedaner geworden sind. Das stärkste Beispiel für ein unbestimmtes Mischvolk, das lediglich durch seinen Glauben zur Nation geworden ist, bilden die Juden. Sie waren viel radikalere Antisemiten, als es spätere Völker jemals gewesen sind, indem sie sich von allen semitischen Nachbarstämmen mit einer Verachtung und Strenge abschlossen, die in der 128 Geschichte einzig dastehen dürfte: hat zum Beispiel jemals ein christlicher Antisemit auch nur theoretisch gefordert, man dürfe nicht aus einem Geschirr essen, das ein Jude benutzt hat? Es gibt eine mohammedanische Rasse: ihr Schöpfer ist der Koran; es gibt eine mosaische Rasse: ihr Schöpfer ist der Talmud. Es gibt aber auch eine katholische, eine protestantische, eine puritanische, eine griechisch-orthodoxe Rasse. Wenn man an Calderon und Greco die katholischen Rassenmerkmale aufgezeigt hat, an Cromwell und Carlyle die puritanischen, an Kant und Bach die protestantischen, an Dostojewski und Peter dem Großen die byzantinischen, so hat man von ihrer Eigenart und Gegensätzlichkeit alles Wesentliche ausgesagt. Dies wird besonders sinnfällig, wenn man die angeblichen homines irreligiosi, die »Freigeister«, »Konfessionslosen« und »Atheisten« ins Auge faßt, die scheinbar alle dasselbe, nämlich nichts glauben: so gehört zweifellos Lenin zur orthodoxen, Shaw zur puritanischen, Spengler zur protestantischen, Flaubert zur katholischen und Freud zur mosaischen Rasse. Religionslose Menschen gibt es überhaupt nicht, und es darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, daß gegenwärtig an den beiden Enden der Erde zwei Teufelsreligionen im Begriff sind, sich auszubilden und zu befestigen und zwei neue Rassen zu erzeugen: der Bolschewismus und der Amerikanismus, die sich voneinander nur durch entgegengesetzte Vorzeichen unterscheiden. Sie bedeuten eine ungeheure Gefahr für das Schicksal des Planeten, die, im Fall eines Sieges, nur in einer Katastrophe, vergleichbar dem Untergang der Atlantis, enden könnte.

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