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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 61
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Antinomie

Rasse wäre demnach körperliche Übereinstimmung. Für deren Feststellung gibt es bekanntlich eine ganze Reihe von Methoden, in erster Linie die Messung des sogenannten Schädelindex, des Zahlenverhältnisses zwischen der größten Länge L und der größten Breite B der Schädelkapsel, das durch den Bruch B/L ausgedrückt wird: danach unterscheidet man Langschädel, Mittelschädel und Kurzschädel. Die Gesichtsform wird durch das Verhältnis der Gesichtshöhe zur Jochbogenbreite bezeichnet, woraus sich Breitgesichter, Mittelgesichter und Schmalgesichter ergeben. Aber ein zuverlässiges Mittel zur Rassenbestimmung sind diese Merkmale nicht: darüber sind sich ältere und neuere Forscher einig. Johannes Ranke, einer der namhaftesten Anthropologen des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts, sagt: »Eine Gegend Europas, wo ausschließlich unter einer größeren Menschenzahl nur eine typische Schädelform vorkommt, kennen wir nicht; ebenso scheint es, soweit die Untersuchungen reichen, in Asien und Amerika«, und Rudolf Martin bemerkt in seinem »Lehrbuch der Anthropologie«, das als eines der vorzüglichsten modernen Werke anerkannt ist: »Schließlich darf auch nicht unerwähnt bleiben, daß wir vielleicht das Längen-Breiten-Verhältnis des Schädels überhaupt zu Unrecht als ein einheitliches Merkmal, das sich als solches vererben muß, betrachten . . . ein Umstand, der das ganze Problem außerordentlich kompliziert.« Ähnlich verhält es sich mit der Farbe der Haare, der Augen und anderen Kennzeichen.

Der Grund für diese Unsicherheit liegt darin, daß es keine 122 reinen Rassen gibt, daß sie sich, wie Eduard Meyer betont, »alle nur a potiori definieren lassen, daß eine scharfe Scheidung zwischen ihnen nicht gelungen, sondern ganz unmöglich ist . . . Je höher die Kultur, desto stärker ist meist die Mischung. Reinheit des Bluts, Autochthonie, Fernhaltung der fremden Einflüsse ist sowenig ein Vorzug, daß vielmehr in der Regel ein Volk um so leistungsfähiger ist, je mehr fremde Einwirkungen es aufgenommen und zu einer inneren Einheit verschmolzen hat – nur wo das nicht gelingt, ist die Mischung verderblich.« Reine Rassen sind wahrscheinlich die Pygmäen Innerafrikas, die Buschmänner Südafrikas und die Australier, die sich alle auf keiner sehr hohen Entwicklungsstufe befinden. Hingegen steht es, wie Alfred Hettner, einer der bedeutendsten Geographen der letzten Jahrzehnte, hervorhebt, von so edeln Rassen wie den alten Germanen, ja selbst den alten Indogermanen keineswegs fest, daß sie rein gewesen sind. Einer der energischsten Verfechter der sogenannten »Rassentheorie« ist bekanntlich Houston Stewart Chamberlain; aber auch er läßt keinen Zweifel darüber, daß er in der Rasse keine Kategorie erblickt, die sich nach rein anatomischen Befunden feststellen ließe. So sagt er zum Beispiel in seinen Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts: »man unterschätze die rein geistige Dolichocephalie und Brachycephalie nicht . . . man braucht nicht die authentische Hethiternase zu besitzen, um Jude zu sein, vielmehr bezeichnet dieses Wort vor allem eine besondere Art, zu fühlen und zu denken; ein Mensch kann sehr schnell, ohne Israelit zu sein, Jude werden . . . andererseits ist es sinnlos, einen Israeliten echtester Abstammung, dem es gelungen ist, die Fesseln Esras und Nehemias abzuwerfen, in dessen Kopf das Gesetz Mose und in dessen Herzen die Verachtung andrer keine Stätte mehr findet, einen Juden zu nennen.«

Sehr erschwert wird die Feststellung der Rasse auch durch die Erscheinung der sogenannten »rezessiven« oder 123 zurücktretenden Merkmale. Es sind dies vererbte Eigentümlichkeiten, die durch viele Generationen hindurch gleichsam unterirdisch zu bestehen und plötzlich wieder aufzutauchen vermögen. Ein führender Rassenforscher wie Günther hält es sogar für möglich, daß Merkmale der Neandertalrasse sich bei Verbrechern erhalten haben, so daß an diesen »fliehende niedrige Stirnen, auffällige starke Überaugenwülste, plumpe Unterkiefer oder vorstehende Kiefer und ein kleiner Gehirnteil des Schädels nicht immer nur als Entartungszeichen gedeutet werden müßten, sondern in manchen Fällen als einzelne in der Bevölkerung zerstreute Erbanlagen der genannten vorgeschichtlichen Rasse, die sich nach der seelischen Seite leicht in verbrecherischen Neigungen äußern könnten«. Nimmt man zu dieser Möglichkeit, daß also die Bausteine, aus denen sich ein Individuum zusammensetzt, Hunderte von Jahrtausenden alt sein können, die Tatsache, daß auch in der Gegenwart die Elemente sich ununterbrochen auf die bunteste und unberechenbarste Weise mischen, so wird der Rassenbegriff zu einem sehr schwankenden. Daher sagt Heinrich Driesmans: »Rasse ist nicht etwas Stabiles: es gibt keine Rasse an sich: sondern nur eine rassenbildende Kraft«, und ganz ähnlich Chamberlain: »Man könnte die Rasse mit dem sogenannten Kraftfeld eines Magneten vergleichen«, womit wir dem wahren Rassenbegriff schon etwas näherkommen.

Wir stehen also hier vor einer Antinomie: So hat Kant das Nebeneinanderbestehen zweier Behauptungen genannt, die, obwohl sie sich widersprechen, die gleiche Überzeugungskraft und Geltung besitzen. Die Thesis lautet: die Rasse ist keine Realität, da sie sich weder als Begriff noch als Tatsache eindeutig fixieren läßt; die Antithesis: die Rasse ist eine der stärksten Realitäten, bezeugt durch Vergangenheit und Gegenwart, Leben und Geschichte.

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