Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 60
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Volk, Staat, Sprache

Wir müssen uns nun fragen, was denn eigentlich unter diesem geschichtsbildenden Phänomen der Rasse zu verstehen ist. Sie ist zunächst ein Mysterium wie alle lebendigen Kräfte. Adolf Bastian nennt die Rassen »neue und vollkommene Schöpfungen, die die ewig junge Produktionskraft der Natur aus dem Unsichtbaren des Hades hervortreten läßt«; Fichte sagt, die Nationen seien »Dekrete des Absoluten«. Rasse deckt sich nicht mit Nation, noch weniger mit Staat oder Sprache, 120 und doch stehen alle diese Kollektiva untereinander in einer schwer entwirrbaren Beziehung. Volk und Rasse unterscheiden sich dadurch, daß diese eine naturhistorische, jenes aber eine historische Kategorie ist. Die Nation ist eine höhere Lebensform, die durch gemeinsame Geschichte geschweißt wird, nicht durch gemeinsame Abstammung, sie ist überhaupt nicht die Summe ihrer einzelnen Glieder, sondern deren Produkt; aber da zu den Faktoren, die Geschichte machen, auch die Rasse gehört, so verwischt sich der Unterschied wieder einigermaßen. Der Staat wiederum ist nicht mit der Nation identisch, sondern ein Organismus, der fast mit jedem Menschenalter seinen Umfang und Inhalt verändert, indem sein Leib, gleich dem der Amöbe, sich vorstreckt, einzieht, kleinere Organismen »umfließt«; gleichwohl enthält der Begriff des Idealstaates die Forderung, daß seine Ausbreitung dieselben Grenzen erfülle wie die Nation. Daß Sprache und Rasse zweierlei sind, bedarf keines Beweises; und doch lehrt die Empirie, daß auch der Wechsel der Muttersprache rasseumbildend wirken kann, wie es sich zum Beispiel an so vielen in die Vereinigten Staaten eingewanderten Mitteleuropäern beobachten läßt, die binnen weniger Generationen in Weltanschauung und Lebensform, Habitus und Gesichtsschnitt zu vollkommenen Angelsachsen werden, ebenso an den nach Brandenburg emigrierten Franzosen: das klassische Exempel ist Fontane, in dessen Dichtungen der Duft der Mark, die Luft Altberlins zu einer einmalig starken Essenz verdichtet worden ist. Auch braucht man sich nur an die Holländer zu erinnern, die lediglich durch ihre Sprache ein besonderes Volk geworden sind, während andrerseits die Norweger mehrere Jahrhunderte lang als Dänen galten und sich fühlten, weil sie deren Sprache angenommen hatten. Aber man kann nicht auch umgekehrt sagen, daß die Sprache ein Erzeugnis der Rasse ist, ja eine ihrer stärksten und charakteristischsten Lebensäußerungen darstellt?

121 Wir können also nur sagen, daß bei den vier genannten Gemeinschaftsphänomenen jedesmal ein Moment, sowohl für die theoretische Begriffsbildung wie für die tatsächliche Gruppenbildung, das wesentliche ist: beim Volk das historische, beim Staat das politische, bei der Sprache das kulturelle und bei der Rasse das physiologische.

 << Kapitel 59  Kapitel 61 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.