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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 59
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Boden und Geist

Die Stummheit Ägyptens hat etwas Pflanzenhaftes. Und in der Tat: Niemals hat es einen so innigen Kontakt zwischen Boden und Gewächs gegeben, wie er uns in Land und Volk Ägyptens entgegentritt. Dieses Phänomen hat im Lauf der Jahrtausende die schon nicht mehr normale Entwicklung zur Kuriosität genommen, wie bei den sogenannten »Spezialisten« des Pflanzen- und Tierreiches, die an gewisse Lebensbedingungen aufs virtuoseste angepaßt sind, aber nur an diese. Die Ägypter, sagt Herodot, machen alles anders als die übrigen Menschen. Der Haupteindruck, den alle Völker von ihnen empfingen, war der einer gewissen großartigen Einseitigkeit und eines übertriebenen Konservativismus. Sie besaßen, mehr als 119 der Angehörige irgendeiner anderen Nation, einen ganz bestimmten Habitus, der, nur ihnen eigentümlich, jede ihrer Lebensäußerungen färbte und füllte und sich dem Blick auch des Fernstehenden sofort aufdrängte, ähnlich wie man heutzutage den Offizier in Zivil, den Professor im Schwimmbad, den Schauspieler im Salon sofort herauszuerkennen vermag. Wir können am Ägypter wie an einem Lehrpräparat die Wechselwirkung zwischen Erde und Geist, Boden und Rasse studieren. Welche der beiden Kräfte ist die primäre? Das wissen wir nicht, aber jedenfalls verstärken sie sich gegenseitig. Man kann ebensogut sagen: die Rasse schafft den Boden, wie: der Boden erzeugt die Rasse. Wir bemerkten vorhin, die Geschichte sei eine Funktion des Raums; aber mit derselben Berechtigung läßt sich behaupten, der Raum sei eine Funktion der Geschichte, nämlich des Menschen. Indem der Mensch ein bestimmtes Stück der Erdoberfläche als seinen Raum konzipiert, wird es historisch. Das Konzept des Altertums hieß: Mediterranien, das der erwachenden Neuzeit: Atlantic. Es verhält sich mit Boden und Rasse wie bei einer Dynamomaschine: Der Magnetismus des Eisenkerns erzeugt in der Drahtspule einen elektrischen Strom; dieser verstärkt den Magnetismus des Eisenkerns und wird dadurch selbst wieder verstärkt: so steigert andauernd der Magnetismus die Stromkraft, die Stromkraft den Magnetismus. Geistiger Strom aus der Menschenseele und magnetische Kraft der Erde: Aus diesem Wechselspiel erblühen die Kulturen.

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