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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 58
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das stumme Land

Dazu hemmt uns bei den Ägyptern noch ein besonderer Übelstand: wir besitzen von ihnen keine richtige Literatur. Hatten sie überhaupt keine oder ist sie bloß nicht erhalten? Oder sind wir es, die nicht zwischen den Zeilen zu lesen vermögen? Jedenfalls: was sie hinterlassen haben, ist für uns ein kindliches Gestammel, der bloße Versuch, zu sprechen, kein frei fließender Strom, keine befreiende Beichte. Vielleicht fehlte ihnen überhaupt das Bedürfnis, sich Rede zu stehen, vielleicht genügte es ihnen, ihr Gefühl in den stummen Stein zu bannen. Sie sind darin das vollkommene Gegenstück der Israeliten: hier 118 ist Rede, aber kein Bild. Nur die Griechen meisterten beides, und darum sind sie unserem Herzen so nahe. Und selbst sie verstanden es noch nicht ganz, ihre Seele im Wort zu erlösen: das hat erst das Christentum in die Welt gebracht. Wir wissen nicht, wer der »Frankfurter« war, der vor sechshundert Jahren die »Theologia deutsch«, das Buch »vom vollkommenen Leben« schrieb; aber sitzt er nicht noch heute neben uns, ergreift unsere Hand und führt uns durch seine Seele zur Seele des Heilands, in das Geheimnis Gottes? Die Lebensspur Shakespeares liegt im Nebel, sein Name ist anonym, aber sein Werk ist es nicht. Seine Biographie ist ein Gerücht, seine Seele ist keines: wir kennen niemand besser als den Dichter der Sonette, des Hamlet, des Lear. In den Bauwundern der Ägypter, hinter den Stirnen ihrer Steinriesen leben gewaltige Gedanken: aber wer wagt es, sie zu lesen? Dies und nichts anderes ist die ägyptische Sphinx. Sie waren kein größeres und kein geringeres Rätsel, als es alle Kreatur ist; aber daß sie nicht sprachen, ist das Unbegreifliche. Ihr Schicksal war, ein großes Rebus zu bleiben: sich und der Nachwelt.

So ist die Geschichte des Nillands für uns nichts als ein großer Film: prachtvolle Bilder mit schwachem und magerem Text.

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