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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 55
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Heilige Nacht

Die Heilige Nacht bezeichnet nicht nur den Beginn der christlichen, sondern auch das Ende des antiken Weltalters. Die Zäsur erscheint auch auf weltlichem Gebiet im Prinzipat Cäsars und dem Eintritt der Germanen in die Geschichte. Daß Cäsar durch seine Eroberungszüge das Herz Europas aufschloß, war, wie Hegel sagt, »die Mannestat des römischen Feldherrn, welche erfolgreicher war als die Jünglingstat Alexanders, die gleich wie ein Ideal bald wieder verschwunden ist«. Es ist ein kurzsichtiger Namenaberglaube, der nur die Oberfläche der Dinge berührt, wenn man annimmt, das Altertum habe so lange gewährt wie das Römische Reich. Auch in der heidnischen Welt vollzog sich während der Kaiserzeit eine völlige Metamorphose. »Ist das Genie vorbeigeschritten«, sagt Diderot, »so ist es, als habe sich das Wesen der Dinge umgewandelt, denn sein Charakter ergießt sich über alles«: um wieviel mehr, wenn ein Gott die Erde berührt! Die Herabkunft des Heilands reißt die Weltgeschichte in zwei Hälften auseinander. Wir wollen nichts wissen von jenen engstirnigen und subalternen Bemühungen, die die größte Peripetie der Menschheitsgeschichte aus »historischen Strömungen« erklären wollen. Dies gelingt nicht einmal bei einer so profanen Tatsache wie der Französischen Revolution, die wahrhaftig kein göttliches Ereignis war, aber doch ein Elementarereignis, ein rasendes Flammenmeer, kein ausrechenbares Feuerwerk! Nur in einem 110 symbolischen und fast überzeitlichen Sinne kann man bei der Entstehung des Christentums von magischen Vorschatten, dunklen Zeichen reden, die wie Wetterleuchten und Erdpochen diese kosmische Umwälzung geheimnisvoll ankündigen. Da die Menschheit seit ihrer Geburt, obschon völlig unbewußt, auf diese Weltenwende ihr Antlitz richtet, ist es nicht verwunderlich, daß bisweilen in besonders erleuchteten Seelen eine telepathische Ahnung davon auf blitzt; aber mehr läßt sich nicht sagen.

Das Altertum ist der langwierige, beschwerliche, aber notwendige Umweg über die Natur zum Geist. Die »kürzeren Wege« sind sehr oft die falschen: sie bergen, sagt Nietzsche, die Gefahr in sich, daß die Menschheit den Weg verliert. Die Neuzeit war ein solcher abkürzender Irrweg, der ins Blinde geführt hat.

Erst seit dem Christentum gibt es Naturgefühl, weil erst das Christentum sich von der Natur trennt, sich gegen sie stellt und sie damit zu seinem Objekt, seinem »Gegenstand« macht. Schiller drückt dies Verhältnis einmal sehr prägnant aus: »Die Alten empfanden natürlich, wir das Natürliche.« Sie wußten überhaupt nicht, was »Landschaft« ist. Nebel und Nacht, Zwielicht und Wolke empfanden sie bloß als störend, Winter und Wüste, Gießbach und Gewitter bloß als schrecklich. Erst seit dem Christentum gibt es Erotik, weil erst jetzt das Geschlechtliche als böse gilt, daher seine Welt sublimiert, verklärt, hypostasiert werden muß, woraus die immanente Tragik der Geschlechtsliebe erwächst, die dem Altertum ganz unbekannt war. Und überhaupt gibt es in der Antike noch keine Tragik. Begriffe wie »Zerrissenheit« oder »Ambivalenz« sind ihr fremd. Hingegen ist selbst in dem atheistischen »Weltschmerz« eines Byron oder Leopardi noch Christentum. Im griechischen Drama ist das tragische Geschick ein Naturereignis (und kann, ebenso wie dieses, erschüttern oder erheben), aber kein 111 inneres, kein seelisches, kein historisches Ereignis, vielmehr ein ins Titanische gesteigerter Zufall, ein ins Metaphysische gehobenes Unglück. Nach der Schuldefinition gehört zur Tragik Größe; aber das Schicksal der Antigone oder Elektra ist, bei aller Größe, im modernen, im christlichen Sinne nicht tragisch, während Hannele und Hedwig Ekdal, die doch gewiß nicht zu den großen Frauengestalten gehören, auf dieses Prädikat im höchsten Maße Anspruch erheben dürfen. Man vergleiche den Wahnsinn bei Ajax und Lear, den Kampf mit Gott bei Prometheus und Brand, den Liebeshaß bei Euripides und Strindberg: hier ist alles Seele, dort alles Fassade. Die Grundform ist beim antiken Drama die Anekdote, beim christlichen, ob es von Schiller oder Shaw, von Racine oder Raimund ist, die Ballade. Und ebenso fehlt dem Altertum der Zwillingsbruder der Tragik: der Humor. Auch die Antike vermag zu lachen, aber nur physisch, nicht metaphysisch. Die aristophanische Komik ist Clownerie, die buschische ist Philosophie. Der Humor kann nur aus einem Weltaspekt erwachsen, der die Wirklichkeit als das Unwirkliche erkannt hat und sie daher nicht mehr ernst nimmt. In einem gewissen Sinne ist Franz von Assisi ein Humorist und Don Quixote ein Heiliger. Die Evangelien sind auch darin Frohe Botschaft, daß auf ihnen der Duft einer silbernen Heiterkeit ruht, den man im Alten Testament, das alles bleiern kompakt nimmt, völlig vermißt. Hier starrt uns die Welt als steinharte Realität entgegen, dort ist sie nichts als ein zitternder Abglanz, ein seliges Versprechen, und dadurch schon von sich erlöst.

Eigentlich gibt es auch erst seit dem Christentum Geschichte im wahren Sinne, nämlich innere Entwicklung. Der Mensch des Altertums sagte ja: zu sich, zur Natur, zur Vernunft, zur Gegenwart. Erst jenes tiefe Mißfallen des Menschen an sich selbst, das das Christentum in die Welt gebracht hat, jene Exkommunikation des logisierenden, analysierenden, 112 verstehenden Intellektes, der ein bloßes Organ der Nahsicht ist, jene Diabolisierung der Natur und Wegwendung des Blicks vom Hier und Jetzt hat den Menschen aus einem Objekt der Geschichte zu einem Subjekt der Geschichte, einem Historie konzipierenden Wesen gemacht. Erst seit dem Christentum hat der Mensch Vergangenheit und Zukunft. Im Altertum gibt es nur Wachstum, wie von Baumriesen, die Jahresringe ansetzen: für die einzelnen Völker in Tempo und Periodizität sehr variabel, wie das ja auch bei den verschiedenen Pflanzen und Tieren der Fall ist. Wie bei diesen kann man von Altersstufen sprechen, aber nicht von einer Biographie. Die Alten selber wußten nicht, daß auch die Nationen Lebewesen sind, die keimen, kulminieren und vergreisen: sie waren sich zum Beispiel nie darüber klar, daß der Ägypter des Neuen Reichs oder der alexandrinische Grieche ein Spätling sei. Wir hingegen haben schon seit längerem erkannt, daß auch das Altertum ein Altertum und eine »Moderne« hatte, wodurch es für uns viel interessanter geworden ist. Aber vielleicht legen wir dies nur hinein, vielleicht sind dies nur »Prädikate unserer historischen Urteilskraft«. Wir sehen an diesem Beispiel besonders deutlich, mit welchem Anspruch absoluter Gültigkeit diese Kategorien auftreten. Denn wer von uns möchte daran zweifeln, daß auch die Weltalter und Kulturen Jugend, Reife und Herbst erleben? Trotzdem ist dies ein Gedanke, der niemals durch einen antiken Kopf gegangen ist. Und noch für den Evolutionismus, dessen mechanisches Geschichtsbild das ganze neunzehnte Jahrhundert beherrscht hat, war die Menschlichkeit eine Lokomotive, die einen Berg hinaufkeucht, und jede rückläufige Bewegung nur eine Serpentine.

Wie es aber »wirklich gewesen«, wer vermöchte das zu entscheiden? Es ist alles, was man über alle wichtigen und fragenswürdigen Fragen sagen kann, immer nur Bruchstück, roher Baustein und Torso; Konjektur, die nur so lange wahr ist, bis 113 ein neues Denkglied auftaucht; kurzlebige Geburt der Zeit. Es könnte auch eine Untersuchung, die um so viel tiefer, reicher und geschlossener wäre als die folgende dürftig, provisorisch und zersplittert, nichts anderes zutage fördern als ein Arsenal von unverantwortlichen Beobachtungen und ein Magazin von unentwirrten Widersprüchen: allerlei Exempel und Veduten, Textproben und Kostümbilder aus jenem ebenso befremdenden wie anziehenden Drama, das wir noch nicht betiteln können und vorläufig mit Ranke »Mär der Weltgeschichte« nennen wollen: »Taten und Leiden dieses wilden heftigen gewaltsamen, guten edeln ruhigen, dieses befleckten und reinen Geschöpfes, das wir selber sind.« Und das, obgleich wir selber es sind, bei jeder neuen Erforschung seine Unerforschlichkeit bestätigt. 114

 

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