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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 54
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Tierkreis

Für die chronologische Gliederung der antiken Geschichte müssen wir die Astrologie zu Hilfe nehmen. Die Kreisbahn, die die Sonne im Laufe eines Jahres am Himmelsgewölbe von Westen nach Osten durchläuft, nennt man Zodiakus, Tierkreis oder Ekliptik. Bei Frühlingsanfang, am 21. März, befindet sich die Sonne im Äquinoktialpunkt: es ist dies der eine der beiden Tage des Jahres, an denen die Nacht dem Tage gleich ist; sein Gegenstück ist der Herbstnachtgleichenpunkt. Man bezeichnet den 21. März auch kurz als Frühlingspunkt. Indes war bereits den Babyloniern seit den ältesten Zeiten die Präzession der Sonne bekannt: die Tatsache, daß bei Frühlingsanfang die Sonne nicht alljährlich an derselben Stelle des Tierkreises steht, sondern daß dieser Punkt ebenfalls den ganzen Zodiakus durchläuft, und zwar in entgegengesetzter Richtung zur Ekliptik. Der griechische Astronom Hipparch fand um 150 vor 107 Christus durch Vergleichung mit früheren Beobachtungen, daß der Frühlingspunkt sich im Laufe eines Jahrhunderts um mehr als einen Grad nach Westen verschiebt. Spätere bestimmten die Differenz noch genauer mit 72 Jahren für einen Grad. In rund 26 000 Jahren vollbringt der Frühlingspunkt einen vollen Umlauf von 360 Grad. Dieser Zeitraum heißt das Große oder Platonische Jahr. Vollständig genau ist er nie berechnet worden, und er ist auch, infolge gewisser kleiner Veränderungen, denen die Bewegung unterworfen ist, nicht immer derselbe. Selbstverständlich handelt es sich bei allen diesen Vorgängen nur um scheinbare Bewegungen. In Wirklichkeit ist die tägliche Rotation des Himmelsgewölbes durch die Drehung der Erde um ihre Achse verursacht, der Jahreslauf der Sonne durch die Drehung der Erde um sie und die Präzession der Äquinoktien durch eine Richtungsänderung der Erdachse.

Die auf der Ekliptik liegenden Sternbilder bilden den Tierkreis, es sind zwölf: Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann, Fische. Man nennt sie Zeichen. Jedes von ihnen entspricht einem Abschnitt der Ekliptik, einem Sonnenbahnstück von 30 Grad. Infolge der Präzession verschiebt sich der Aspekt in 30 × 72 = 2160 Jahren um ein solches Bogenstück, und zwar rückläufig; ungefähr alle zwei Jahrtausende tritt also die Erde in ein neues Zeichen. Historisch können wir noch die Herrschaft von drei bis vier Sternbildern konstatieren. Die ältesten erhaltenen Urkunden stammen aus der Periode des Stiers. Aber das ganze System ist viel älter und zeigt deutliche Spuren der vorangegangenen Ära, wo der Frühlingspunkt sich in den Zwillingen befand. Der Zodiakus von Dendera in Oberägypten, eine Tierkreisabbildung, die in einem alten Tempel angebracht war, zeigt die Situation gegen heute um mehr als 60 Grad verschoben: Die Stierzeit befand sich damals in ihrem letzten Stadium. Als Hipparch die Zeichen einführte, ging gerade die Widderzeit zu Ende, und wir 108 stehen heute am Ausgang der Fischzeit. Die Regentschaft der Zwillinge begann etwa um 6500 vor Christus, die des Stiers um 4400, die des Widders um 2300, die der Fische um 150, und sie wird noch in diesem Jahrhundert in die des Wassermanns übergehen. Wir befinden uns also an einer großen Zeitwende: daher unsere Unruhe und Zerrissenheit. Selbstverständlich handelt es sich bei diesen Übergangsepochen nicht um Jahre oder auch nur Jahrzehnte, sondern um breite Grenzsäume.

Das Hinüberwechseln vom Stier zum Widder ist markiert durch die Begründung des Mittleren Reichs in Ägypten und des Babylonischen Großreichs in Vorderasien. Beim Eintritt der Fischära beginnt auch historisch eine neue, die christliche Zeitrechnung. Stier bedeutet breite, ruhende, pflanzenhafte Fruchtbarkeit, weiträumigen Blick, Empfänglichkeit, aber auch Voreingenommenheit. Es ist das Weltgefühl des alten Reichs der Ägypter, in dem der Stier göttliche Verehrung genoß. Widder ist kriegerische Aggression und Herrschbegier, Intellektualität und Wirklichkeitssinn, feines und starkes Gefühl für das Nahe: es ist die »euklidische« Seelenhaltung der klassischen Antike, die hier zur Herrschaft gelangt. Während Mose widdergehörnt ist, ist der Fisch von Anfang an das Symbol der Christen gewesen. Im Mittelpunkt eines jeden dieser Zeitalter steht eine bestimmte Idealgestalt als höchster Ausdruck seiner Lebensform (der polare Typus sowohl wie der gemischte ist natürlich auch immer da, aber sozusagen illegitim): im Stier ist es der Magier, im Widder der Tyrann, in den Fischen der Heilige. Der Gegenspieler des herrschenden Typus ist in der Widderzeit der Philosoph, der die Welt verachtet und sich so auf seine Art ebenfalls zu ihrem Tyrannen macht, in der Fischzeit der Eroberer, der physisch ebenso ins Unendliche strebt (auch in seiner Spielart als Techniker), wie dies der Heilige seelisch versucht. Und wie Alexander und Augustus, Perikles und Cäsar etwas vom Philosophen hatten, so waren Karl der Große 109 und Barbarossa, Fridericus und Napoleon wenn auch nicht Heilige, so doch eine Art Märtyrer, die ein unsichtbares Kreuz trugen. Auch über den Weltenmonat des Wassermanns ließe sich heute schon einiges sagen: wir wollen dies aber unterlassen, weil auf keinem Gebiete Mißverständnisse näher liegen als auf dem astrologischen. Auch alles bisher Bemerkte ist, dies muß aufs allernachdrücklichste betont werden, nicht im geringsten wörtlich zu nehmen, wie denn überhaupt diese Zusammenhänge in Worten gar nicht ausdrückbar sind.

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