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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 53
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Perlippe, perlappe

Auch in der Periodisierung hat man stilisiert. Eine synchronistische Betrachtungsweise ist in der antiken Geschichte gar 105 nicht üblich. Die einzelnen Völker marschieren hintereinander auf wie Kostümgruppen in einem Festzug. Es ist wie im Puppenspiel vom Doktor Faust: wenn Kasperle perlippe sagt, so kommen die Geister; sagt er perlappe, so verschwinden sie. Daß zum Beispiel Romulus, Homer und der Prophet Amos ungefähr Zeitgenossen waren, dürfte den meisten Menschen nicht zum Bewußtsein gekommen sein. Man hat den Eindruck, daß eines Tages die Ägypter plötzlich ausgestorben seien. Jetzt gibt es bis auf Alexander nichts als Griechen; mit dessen Tode aber tauchen sie unter: perlappe! und, perlippe, steigen die Römer aus der Versenkung. Indes ist dieses Verfahren doch gar nicht so unberechtigt, wie es scheint, denn die antiken Völker haben sich viel isolierter entwickelt als die modernen, und ein Grieche des perikleischen Zeitalters hat wirklich von Latium oder Palästina nicht viel mehr gewußt als ein Renaissancemensch von Japan oder der Südsee. Die alte Geschichte ist auch darin ein ästhetischerer Gegenstand als die spätere, daß sie ganz von selber in klar abgegrenzte Akten, Stufen, Peripetien zerfällt. Eigentlich ist ja mit Alexander die griechische Geschichte wirklich zu Ende, und die römische vor Alexander ist eine Art Prähistorie. Und überhaupt scheint es, daß wir uns anschicken, sowohl auf geologischem wie auf historischem Gebiet zur Katastrophenlehre des alten Cuvier zurückzukehren. Der Darwinismus entsprach dem englischen Temperament und dem bourgeoisen Weltgefühl, das nicht an jähe und gewaltsame Metamorphosen, plötzliche Weltaufgänge und Weltuntergänge glauben wollte, sondern nur an behagliche Entwicklung. Wir denken darüber anders. Wir haben nacheinander in Rußland, in der Türkei, in Italien und in Deutschland über Nacht einen völligen Umbau sich vollziehen und, wie aus der Erde gestampft, einen neuen Menschentypus emporsteigen gesehen. Es scheint, daß wirklich ganze Völker mit einem Schlage sich verwandeln, auftauchen, verschwinden können. Nach Cuvier entsteht in jeder 106 geologischen Epoche durch Neuschöpfung eine besondere Fauna, die eines Tages durch eine Katastrophe völlig vernichtet wird, um einer anderen Platz zu machen: die Erdgeschichte vollzieht sich in Revolutionen. Auch Hörbiger nimmt an, daß in ihr ruhige Abschnitte (Evolutionsperioden) mit Zeiten rascher Umbildungen (Paroxysmen, Diastrophen) dauernd abwechseln. Goethe war seiner ganzen Natur nach ein dezidierter Anhänger der epischen Geschichtsauffassung. Am 2. August 1830 teilte er Eckermann jubelnd mit, daß der Evolutionist Geoffroy de Saint-Hilaire in einer Sitzung der Pariser Akademie Cuvier erfolgreich bekämpft habe. Aber genau an demselben Tage waren die ersten Nachrichten von der Julirevolution nach Weimar gelangt. Selbst Rankes hochkonservatives, vom Staatskabinett aus visiertes Geschichtsbild nimmt für die Neuzeit eine Art Turnus an, in dem die führenden Nationen einander ablösen; und bei den Völkern des Altertums können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, daß sie fast alle durch Mord oder Selbstmord geendet haben. Also doch perlippe, perlappe!

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