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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 50
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die politischen Einheiten

Das Mittelmeer war für den Menschen des Altertums buchstäblich die Welt und seine Geschichte die Weltgeschichte. In diesem Rahmen war Karthago für den Phönizier, »Großgriechenland« (Sizilien und Unteritalien) für den Hellenen »Übersee«; an heutigen Verhältnissen gemessen, entsprach die Verbannung nach dem Pontus der Verschickung nach Sibirien und das seegewaltige Kreta England; dieses aber, erst um die Mitte des vierten vorchristlichen Jahrhunderts von Pytheas aus Marseille entdeckt und allgemein angezweifelt, war etwa, was für die Neuzeit die Arktis oder Australien ist; und das Römische Reich war in viel weiterem Sinne ein Weltreich als alle modernen: von der Art, wie wenn England außer seinen Dominions auch noch Europa, Amerika und ganz Rußland zu beherrschen vermöchte. Randmächte wie die Parther und die Germanen, die auch der römischen Expansion eine Grenze setzten, hätten dann Ostasien und Innerafrika entsprochen. Das Römische Reich ist also die größte politische Einheit, die das Altertum jemals erblickt hat. Die kleinste ist der Kanton, der »Stammesstaat«: Beispiele sind die zahllosen antiken Poleis, die nach unseren Begriffen Kleinstädte waren. Eine 102 größere Zusammenfassung ist schon das Territorium, der »Bundesstaat«, wie ihn zum Beispiel Israel zur davidischen Zeit, Sparta zur Zeit der peloponnesischen Liga bildete; die Kleinstadt entwickelt sich zur Bedeutung einer Provinzialhauptstadt. Der nächsthöhere Komplex ist die Großmacht, der »Nationalstaat«: Rom, als seine Herrschaft vom Po bis Syrakus reichte, die attische Symmachie unter der Hegemonie Athens, die vorderasiatischen Reiche; im Mittelpunkt steht die Großstadt, die dieselbe Tendenz zeigt, alles an sich zu saugen, wie wir dies in der Neuzeit an Paris und Berlin beobachten können. Zum Imperium oder Weltstaat muß jeder Großstaat sich zu erweitern suchen; nach organischen Wachstumsgesetzen, die er in sich trägt, wie ein Baum oder ein Tierleib. Seine Grenzen, die er weder unerfüllt lassen noch überschreiten darf, sind von der Natur gegeben. Für Rom war es eben die Mittelmeerwelt, anfangs sehr gegen den Willen des konservativen Agrarvolks. Alexander der Große hatte die Absicht, Italien zu erobern; daß dies infolge seines frühen Todes nicht geschah, hat den Untergang des hellenistischen Weltreichs verursacht, das trotz seiner phantastischen Größe seine natürlichen Grenzen nicht erreicht hat. Durch das Umgekehrte: das Sprengen seiner Grenzen, das Hinübergreifen in den fremden Weltteil Germanien ging Rom zugrunde. Im Altertum kann sonst nur noch Persien zur Zeit seiner größten Ausdehnung auf den Titel eines Imperiums Anspruch erheben. Im Imperium wird die Großstadt zur Weltstadt; und es ist charakteristisch, daß sich gewöhnlich zwei solche Riesensiedlungen bilden, die in einer Art Polarität zueinander stehen, ähnlich wie im höchstentwickelten Organismus zwei Nervenzentren existieren: Gehirn und Sonnengeflecht. Für das Römische Reich waren dies Rom und Alexandria, für das persische Susa und Persepolis. Beispiele solcher Doppelsonnen sind für die Neuzeit Petersburg und Moskau im russischen, New York und Chicago im 103 amerikanischen Weltreich. Übrigens ist es fraglich, ob man das alte Persien bloß auf Grund seiner enormen Landausdehnung als Weltmacht ansprechen darf, denn zu dieser gehört Seegeltung, die die Perser nie besessen haben. Umgekehrt können selbst kleine Einheiten sich durch maritime Entwicklung zur Großmacht emporschwingen wie im Altertum Athen und Karthago, in der Neuzeit Portugal und Holland. Allerdings sind Herrschaften mit so schmaler Landbasis immer zu episodischer Bedeutung verurteilt.

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