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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 470
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Effektkunst

Die Repliken, die auf Lysipp oder doch wenigstens auf seine Schule zurückgeführt werden können, zeigen eine auffallende Vorliebe für das Thema der physischen Ermattung: Poseidon stützt sich ermüdet auf seinen Dreizack, Hermes ruht aus, Herakles ist ganz erschöpft. Das ist die praxitelische Gelöstheit, gleichsam um eine Oktave tiefer. Eine noch stärkere Komponente des Zeitgefühls war der Gegenpol: die Übersteigerung der skopasischen Pathetik. Wie in den Isokrateern die Geschichtsschreibung, in den Gorgianern die Philosophie, in den Euripideern die Tragödie, wird in den Schulen von Sikyon und Athen die bildende Kunst Rhetorik, Dekoration, Affekt und Effekt als Selbstzweck. Bezeichnend ist auch die Vorherrschaft der korinthischen Säule, die sich für ihr Kapitell auf fast 955 naturalistische Weise des Akanthusmotivs bedient. Der acanthus mollis, die echte oder weichblättrige Bärenklaue, im Altertum Arzneipflanze und noch heute Ziergewächs, ist eine stattliche Staude, deren glänzendgrüne, tief eingebuchtete Blätter gegenständig an zierlichen Stengeln sitzen; und verschwenderische Verwendung dieses üppigen, bizarr gezackten Laubwerks verleiht der Säulenkrone etwas Strotzendes, Luxuriöses, Schwelgerisches, aber auch im Vergleich zu den bisherigen Formen etwas Gesuchtes, Ostentatives und Überprächtiges: Es ist der aristippische Hedonismus, der hier zu Wort kommt. Wir sagten, die ionische Säule habe neben der dorischen etwas Feminines: die korinthische hat geradezu etwas Hetärenhaftes. Auch sonst überall reiches Rankenwerk und kapriziöse Ornamentation; das uralte Mäandermotiv kehrt wieder, aber in feinster Raffinade, und ergeht sich, wie Arnold von Salis sehr schön bemerkt, in »nie endenwollenden Trillern«. Um 350 entstand der repräsentativste Bau des Jahrhunderts, das Mausoleum zu Halikarnaß, das zu den Sieben Weltwundern gerechnet wurde. Auf einem riesigen, rechteckigen Unterbau erhob sich eine ionische Säulenhalle, die statt des Daches eine vielstufige Pyramide trug und zuoberst Viergespanne mit dem König Mausolos und dessen Witwe Artemisia. Sie war es, die dieses prunkvollste aller Grabdenkmäler errichten ließ, das gleichwohl etwas von Gründertum und Amerikanismus an sich gehabt haben muß. Herrliche Friese schmückten alle Bauteile; die leidenschaftliche Aktion, die die Reste noch erkennen lassen, war der Stil der Zeit, der sich auch sonst allenthalben ausprägt, schon in der Behandlung des Gewandes, das in dramatische Bewegung gerät, flattert und wirbelt, sich wölkt und bläht, bisweilen fast schon wie in der Skulptur der Barocke. War einst die Jungfrau ein halber Knabe, so wird jetzt der Ephebe mädchenhaft. Keine Krafthelden: selbst Ares ist entspannt und elegisch, ein »verliebter Leutnant«, wie Heinrich Brunn ihn genannt hat; keine 956 Mannweiber: selbst die Amazonen sind sanfte junge Mädchen; keine herben, unnahbaren Jungfrauen; selbst Athena wird kokett; keine brutale Brunst: selbst die Satyrn sind wohlerzogene Kurmacher. Der Zeus, von dessen Kopf eine gute römische Kopie Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Otricoli, einem nordöstlich von Rom gelegenen Landstädtchen, zutage gekommen ist, war das kolossale Marmorkultbild eines unbekannten Meisters der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts: es ist ganz der Göttervater Homers, königlich und milde, ein allmächtiger Tröster. Prachtvoll ist besonders die Haarbehandlung an Löwenmähne und Lockenbart. Gegen den phidiasischen gehalten, muß dieser Zeus theatralischer, aber auch weicher und wärmer, menschennaher und seelenvoller gewirkt haben. Der Apoll von Belvedere, »gepriesen viel und viel gescholten«, ein schlanker Jüngling in schwungvoller, fast schwebender Bewegung, im Antlitz Feuer und Reinheit des Sonnengotts, das Haar reich und geistreich und fast wie ein selbständiges Ornament behandelt, erinnert mit seinen übereleganten Armen und Beinen, seiner Frisur eines Modebeaus und seiner ungemein effektvollen, aber ihrer Wirkung allzu bewußten Pose ein wenig an einen sieghaften Bonvivant. Hier gleitet der praxitelische Schmelz bereits ins Satinierte. Nachdem unter dem Vorantritt Winckelmanns, Herders und Goethes vier Generationen über das Bildwerk in Verzückung geraten waren, wurde es um die Wende des neunzehnten Jahrhunderts in kunstkritischen Kreisen guter Ton, es als Friseurpuppe beiseite zu schieben, was sicherlich ebenso ungerechtfertigt war, denn es gibt auch eine Kalligraphie höchsten Ranges und einen Zustand der technischen Erfüllung, wo die Kunst eben nur noch schön ist.

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