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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 47
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Kleinafrika

Dieser ist im Süden quer abgeriegelt durch den ungeheuern Wüstengürtel der Sahara, der, im Mittel so breit wie die Entfernung zwischen Berlin und Palermo, vom Atlantischen Ozean bis zum Roten Meer reicht. Man hat daher bisweilen die Frage aufgeworfen, ob Nordafrika überhaupt zu Afrika gehöre. Geologisch ist es jedenfalls ein Teil des eurasischen Faltenlandes. Arabien stimmt in Klima, Gesteinsformation und Oberflächenbildung mit Nordafrika völlig überein. Ritter scheidet die Atlasländer (die westliche Hälfte Nordafrikas: Marokko, Algier, Tunis) als »Kleinafrika« vom übrigen Afrika; sie sind auch ethnographisch ein Sondergebiet, indem sie vorwiegend von Berbern bewohnt werden, einer in prähistorischer Zeit eingewanderten »Urbevölkerung«, die nur oberflächlich arabisiert wurde: man faßte daher früher diesen Komplex unter dem Namen »Berberei« zusammen. Politisch und geographisch am wichtigsten ist das Gestade von Tunis, das als Gegenküste von Sizilien mit dieser Insel eine Einheit bildet und auch immer so 99 aufgefaßt wurde: sowohl die Karthager als auch die Griechen und Römer versuchten stets, beide Gebiete in der Hand zu haben; die Vandalen griffen sofort von der uralten und immer von neuem umstrittenen karthagischen Kampfstätte nach Sizilien hinüber, ebenso die Araber. Der italienische Publizist Fiamingo nannte in einer 1907 erschienenen Abhandlung über die auswärtige Politik Italiens Tunis »eine Art Verlängerung Siziliens«; daß es französisch ist, wird immer das größte Hindernis für eine Verständigung zwischen den beiden romanischen Großmächten bilden.

Ähnliche Pendants wie Italien und Kleinafrika repräsentieren Griechenland und Kleinasien: die Inseln des Ägäischen Meeres bilden gewissermaßen eine Postenkette, die küstennahen unter ihnen eine Art schützender Hafendämme. Nur der Verfall der einst so hochkultivierten Gebiete Kleinasiens und Nordafrikas unter der türkischen Barbarenherrschaft, die aus ihnen Räuberhöhlen und Ruinenfelder gemacht hat, hat diese Beziehungen verdunkelt. Um das Irreführende unseres heutigen Erdbilds zu erkennen, braucht man sich nur daran zu erinnern, daß, von ihm aus gesehen, Herodot und Heraklit Asiaten, Augustinus und Septimius Severus Afrikaner waren: alle vier sicherlich das, was Nietzsche den »guten Europäer« nennt.

Man hat aber auch Spanien ein kleines Afrika genannt, im Hinblick auf seine plumpe, wenig gegliederte Gestalt, sein heißes und trockenes Klima, seine Abgeschlossenheit durch drei Meerseiten und den Wall der Pyrenäen und sein flaches Zentralgebiet, die Meseta, die eine afrikanische Steppenvegetation trägt.

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