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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 468
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Praxiteles

Auch die Skulptur bekam einen Stich ins Malerische, der ihr bis dahin fremd war. Praxiteles bediente sich zum Kolorieren seiner Plastiken des Nikias, der ihm an Berühmtheit nicht nachstand. Die Gewänder waren offenbar nicht mehr mit Deckfarben lackiert, sondern aufs feinste getönt, zur Erzielung der Fleischfarbe verwendete man eine zarte Beize aus Öl und flüssigem Wachs, Augen und Haare waren durch mineralische und metallische Präparate aufs raffinierteste wiedergegeben. Durch all dies muß einesteils ein stärkerer Naturalismus erzielt worden sein, aber andrerseits auch eine erhöhte Idealität, eine duftige, schwebende, zauberische Wirkung von einem fast überirdischen Glanz, für deren Suggestion uns jede Analogie fehlt. Denn heutzutage vermag eben kein Mensch mehr eine Statue zu bemalen, ohne ins Panoptikum abzustürzen. Wir besitzen von den griechischen Skulpturen nur den rohen unverputzten Kern, der für unsere Begriffe bereits von staunenswerter Vollendung ist. Kann man im Ernst glauben, daß ein Praxiteles erlaubt hätte, seinen Hermes mit Farbe anzustreichen, wenn dies nicht den Superlativ der Marmorwirkung ins Übersuperlative gesteigert hätte? Es bleibt nichts übrig als sich 951 mit dem peinlichen Gedanken vertraut zu machen, daß die griechischen Künstler Dinge gekonnt haben, die für uns unerreichbar, ja nicht einmal vorstellbar sind.

Der Hermes von Olympia ist das einzige Originalwerk eines großen griechischen Künstlers, das bisher aufgefunden wurde. Er war im Altertum nicht besonders berühmt; man kann daraus schließen, wie großartig die anderen Arbeiten des Praxiteles waren. Der Körper scheint zu atmen, das neben dem Gotte ruhende Gewand, das ganz selbständig behandelt ist, glaubt man greifen zu können, das Antlitz ist von ebenso geistvoller wie lebensvoller Menschlichkeit. Hier ist Kraft mit Wohllaut, Gliederung mit Fülle auf eine unnachahmliche Weise vereinigt und die Versicherung, man erwarte jeden Augenblick den Stein vom Postament steigen zu sehen, einmal keine Phrase. Der Apollon Sauroktonos (»der eine Eidechse tötet«) ist noch mehr ins Menschliche gerückt als der Hermes (man hat mit Recht bemerkt, es sei unmöglich, zu diesem Gott zu beten): ein eleganter, graziler Knabe mit koketter Modefrisur, entzückend feminin, aber gar nicht mit dem Auge des Homosexuellen gesehen. Sicher war Praxiteles am größten als Frauengestalter: von seiner knidischen Aphrodite berichtet Plinius, sie sei nicht nur unter den Statuen des Meisters die berühmteste gewesen, sondern unter allen der Erde. Als König Nikomedes von Bithynien den Knidiern die Tilgung ihrer ganzen Staatsschuld anbot, wenn sie ihm die Aphrodite überließen, gaben sie sie nicht her; und ein Jüngling entbrannte in wahnsinniger Liebe zu dem Stein. Noch in der flauen Replik ahnt man die einzigartige Verbindung von Reinheit und Reiz, Adel und Intimität, die hier dem Bildner gelungen ist. An den Augen der Göttin pries die Antike am meisten das ὑγρόν, den feuchten Glanz, der ihnen etwas unbeschreiblich Schwärmerisches und rätselhaft Verhülltes verlieh. Auch vom Eros des Praxiteles, den dieser selber für sein bestes Werk erklärt haben soll, hieß es, der süß 952 träumerische Ausdruck des Antlitzes habe jeden Besucher geheimnisvoll berückt, und auch Alexander soll diesen schwimmenden Blick gehabt haben, der von Sehnsucht und verschleierter Sinnenlust kündet. Es war offenbar der Blick des Zeitalters.

Der Geist des Praxiteles lebte unter anderm auch in den Tanagrafiguren, Terrakotten, die ihren Namen von dem boiotischen Tanagra führen, wo die schönsten Hohlformen erzeugt wurden. Das Wort ist durch die geschmacklosen Kopien und plumpen Fälschungen der Gründerzeit fast zur Beschimpfung geworden, die Originale aber waren in ihrer heitern Anmut und geistreichen Lebensfülle den Porzellanschöpfungen des achtzehnten Jahrhunderts ebenbürtig. Selbst die Massenartikel, die als Grabbeigaben, Boudoirschmuck und Kinderspielzeug hergestellt wurden, überraschen durch die flotte Formbeherrschung, feine Farbenwahl und einfallsreiche Laune, mit der der ganze griechische Alltag hier en miniature zur Darstellung gelangt. Auch die Vasen des vierten Jahrhunderts erinnern in ihren schlanken schwellenden Körpern und weichen Armbewegungen und ihrer ganz auf Moll getönten Stimmung an Praxiteles. Nicht umsonst hat dieser gerade auf die Kleinkünste so stark eingewirkt, denn wie wir an Diogenes und Aristipp und selbst an Aristoteles und Philipp einen Stich ins Genrehafte beobachten konnten, so hatte auch seine Kunst bei aller Größe etwas vom Genre, einen Rokokozug. Praxiteles hat nur die Haut der Dinge gegeben, aber in dieser Haut alles ahnen lassen, was darunter liegt. Und wiederum werden wir an Nietzsches Wort erinnert, die Griechen seien »oberflächlich aus Tiefe« gewesen, und an Fausts Bekenntnis: »am farbigen Abglanz haben wir das Leben.« Praxiteles ist ein Epilog wie Mozart; und wie sich bisweilen im Schlußwort die größte Kraft sammelt, so hat auch er ein unvergleichlich reiches Finale gesungen, voll der Süßigkeit der letzten Reife und der lächelnden Wehmut des herbstlichen Abschieds. 953

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