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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 465
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Theophrasts Psychologie

Was Theophrast gibt, ist eine platonische Psychologie. Er operiert mit der Idee der Frechheit, der Albernheit, der Bosheit wie Plato mit der Idee der Pferdheit und allen übrigen Urbildern der Dinge. Er isoliert die Merkmale der Eitelkeit, der Zudringlichkeit, der Selbstsucht, der Scheelsucht, die sich in der Wirklichkeit nie unvermischt finden, auf ähnliche Weise, wie etwa die Physik die Eigenschaften des Magnetismus, der Schwere, der Elastizität aus der Realität herausschält, um sie gesondert zu betrachten und als Phänomen zu studieren. Das ist also nicht so sehr ein künstlerisches als ein wissenschaftliches Verfahren. Und dennoch haben es zahllose Künstler befolgt: nicht bloß alle antiken Komiker (Menander war mit Theophrast befreundet), sondern auch die meisten modernen: von der commedia dell'arte über Holberg und Sheridan, Gellert und Iffland bis herab zu den Eintagskoryphäen der 948 Vaudevilledichtung und Schwankliteratur. Man sollte meinen: beim echten Künstler müsse das Ganze früher dasein als die Teile, die Vision der Gestalt früher als die Einzelzüge; aber in der Kunst gibt es eben keine Regeln. Denn Molière und Nestroy, Hogarth und Daumier haben mit dieser Technik der gefüllten Schablone, des Mosaiks, aus dem sich abstrakte Typen zusammenfügen, unsterbliche Figuren geschaffen. Der malade imaginaire besteht aus nichts als Krankheit und Einbildung, der Knieriem aus nichts als Alkohol und Astrologie, Hogarth zeichnet wandelnde Tugenden und Laster, und Daumier schematische Hieroglyphen über das Thema »Julikönigtum«. Auch ein Haubenstock vermag zu blühen, wenn ein Magier ihn berührt, und ein Tapetenmuster kann unter der Hand eines Genies ein Drama werden. Bis zu welchen Zaubergipfeln die theophrastische Optik sich zu erheben vermag, zeigt Andersen, bis zu welcher Abgeschmacktheit und Blutleere sie herabsinken kann, die Dichtung der Expressionisten.

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