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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 464
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Theophrasts »Charaktere«

Der bedeutendste Schüler des Aristoteles und dessen Nachfolger in der Leitung der peripatetischen Schule war Tyrtamos aus Lesbos, dem sein Lehrer den Namen Theophrastos, der Göttlichberedte, verlieh: zu seinen Lebzeiten eine Weltberühmtheit, von Schülern umdrängt und von Königen umworben, Metaphysiker und Ethiker, Physiolog und Physiker, Zoolog und Botaniker, Historiker und Geograph, Schöpfer der Mineralogie, der Pflanzengeographie und der Tierpsychologie. Von seinen zahlreichen Schriften sind aber nur die wenigsten erhalten, darunter eine Galerie von dreißig kleinen Porträts: die Ethischen Charaktere, die, obgleich sie in einer sehr liederlichen, lückenhaften und gedankenlosen Abschrift überliefert wurden, eine der einflußreichsten Broschüren der Weltliteratur geworden sind: ihre Wirkung läßt sich durch die ganze griechische und lateinische Komödie und über Horaz und Erasmus bis zu Labruyère verfolgen, der sie nicht nur übersetzte, sondern auch in den zeitkritischen Sittengemälden seiner Caractères nachahmte, einem der meistgelesenen Bücher des siebzehnten Jahrhunderts, das mit den Worten beginnt: »Ich gebe dem Publikum zurück, was es mir geliehen hat.« Theophrast machte den Versuch, eine Art Typologie der athenischen Gesellschaft zu geben. Die Bilder der einzelnen Figuren setzt er aus lauter kleinen Mosaiksteinchen zusammen. Der Speichellecker zum Beispiel sagt zu seinem Gönner: »Bemerkst du, 945 wie alle Leute auf dich schauen? Das tun sie sonst bei keinem in der ganzen Stadt« und zupft ihm dabei einen Faden vom Rock; macht dieser einen blöden Witz, so verfällt er in so unbändiges Lachen, daß er sich das Kleid in den Mund stopfen muß, und läßt sich dieser Schuhe anprobieren, so findet er den Fuß viel besser gebaut als den Schuh; den Kindern bringt er Äpfel und Birnen und sagt: »Wie diese reizenden Geschöpfe ihrem Vater ähnlich sehen!« Der Raunzer sagt, wenn er auf der Straße einen Geldbeutel findet: »Einen Schatz habe ich freilich noch nie gefunden«; wenn er einen Sklaven wohlfeil erstanden hat: »Es sollte mich wundern, wenn ich etwas Gesundes so billig gekauft hätte«; wenn man ihm die Geburt eines Sohnes meldet: »Setzt auch gleich hinzu: die Hälfte meines Vermögens ist futsch!«; und hat er einen Prozeß gewonnen, so macht er seinem Anwalt den Vorwurf, er habe viele Rechtsgründe übergangen. Der Aufschneider sagt von dem Haus, in dem er zur Miete wohnt: »Es ist ein teures Erbe meines Vaters, aber ich muß es leider verkaufen, denn es ist für meine Gäste zu klein«; der Schmutzian sagt im Bade zu seinem Diener: »Du hast ja ranziges Öl gekauft« und salbt sich mit fremdem, macht einen Abzug vom Schulgeld, wenn seine Kinder krankheitshalber nicht kommen können, und ein Verzeichnis der halben Rettiche, die von der Mahlzeit übriggeblieben sind, und unternimmt eine Reise, wenn einer seiner Freunde sich verheiratet, um kein Hochzeitsgeschenk geben zu müssen. Dabei arbeitet Theophrast nicht mit einem groben Schema, sondern nuanciert sehr fein. Er unterscheidet zum Beispiel zwischen dem »Quatschkopf«, der lauter überflüssiges Zeug sinnlos durcheinanderredet, dem »Schnatterer«, der jeden unterbricht und niederschwätzt, alles besser weiß und sogar von seinen Kindern aufgefordert wird: »Papa, erzähl uns was, damit wir Schlaf kriegen!«, und dem »Neuigkeitskrämer«, der jedes Gerücht aufbläst und mit großer Wichtigkeit weiterträgt, »übrigens nur 946 dir im Vertrauen gesagt«; ebenso differenziert er als Typen lästiger Personen: den »Ausgeschämten«, der überall: beim Opfer, beim Fleischer, im Theater, im Bade sich ungehörige Vorteile zu ergattern sucht, den »Widerwärtigen«, der bei Tisch erzählt, in seinem Stuhl habe sich Galle gefunden, schwärzer als die Kraftbrühe, die man eben esse, den »Flegel«, der neben vielen anderen Ungezogenheiten auch die Angewohnheit hat, im Bade zu singen, und den »Ungelegenen«, der immer Unpassendes tut und spricht; bei einer Hochzeit auf die Weiber schimpft, einem, der alle Hände voll zu tun hat, einen langen Besuch abstattet, einen, der gerade einen weiten Weg gemacht hat, zu einem Spaziergang auffordert und stets bereit ist, Dienste anzubieten, die niemand geleistet haben will. Der »Süßholzraspler« ist wieder mehr mit dem Speichellecker verwandt; andere Figuren sind der Zerstreute, der Tugendprotz, der Mißtrauische, der Abergläubische, der Hasenfuß, das Lästermaul. Eine sehr merkwürdige und fast rätselhafte Gestalt ist der εἴρων, was Wilhelm Binder etwas altfränkisch mit »arger Schalk« übersetzt, indem er jedoch hinzubemerkt, daß sich das Wort einigermaßen zutreffend nur mit dem französischen »chicaneur« wiedergeben lasse. Ein eiron ist ein Mensch, der sich unwissend stellt, der etwas anderes sagt, als er denkt, dem es Vergnügen macht, seine Umgebung zu mystifizieren. Er redet seine Feinde freundlich an, verzeiht denen, die Schlimmes von ihm sprechen, und ist jemand erbost über ihn, so bleibt er ganz sanftmütig. »Was er auch treibt; nie wird er sich offen darüber aussprechen«; »hat er etwas gehört, so will er's nicht gehört haben«; sehr geläufig sind ihm Ausdrücke wie: »das kann nicht möglich sein, da bin ich ganz baff, zu mir hat er ganz anders geredet, das will mir gar nicht in den Kopf, wem soll ich jetzt glauben?« Das ist schon ein ziemlich komplizierter Charakter: einer, der sich aus einer Art artistischer Liebhaberei verstellt und sich schlechter macht als er ist; man wird an 947 Hamanns Mahnung erinnert, »das Gute tief herein, das Böse herauszutreiben« und an Kierkegaards Wort: »man frage mich nach allem, nur nicht nach Gründen« oder auch manche Figuren Ibsens. Theophrast scheint auch sonst eine Vorliebe für lebhafte Charakterschilderungen gehabt zu haben; in dem Bruchstück einer Schrift gegen die Ehe gibt er fast dramatisch den Redestrom der Frau wieder: »Frau Soundso hat ein viel schöneres Straßenkleid; gestern mußte ich in der Damengesellschaft ganz unten sitzen; du gucktest ja heute die Nachbarin so sonderbar an; was hattest du denn mit dem Dienstmädchen zu sprechen; hast du mir etwas vom Markt mitgebracht?« Man muß sich nun vorstellen, daß Theophrast derlei Auftritte, die sicher auch in anderen Werken vorkamen, und die »Charaktere«, die sicher viel reicher ausgeführt waren als in dem überlieferten knappen Szenarium, seinen Schülern geradezu vorgespielt hat. Mit solchen Dingen beschäftigte sich damals ein Rektor und Ordinarius der Philosophie an der ersten Universität Griechenlands.

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