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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 460
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Ideen

In aristokratischem Gegensatz zum Kynismus stand der Sokratiker Aristokles aus Athen, der den Stammbaum seines Vaters auf König Kodros, seiner Mutter auf Solon zurückführte. Er wurde wegen seiner breiten Stirn Platon gerufen, und in der Tat hat es niemals eine breitere gegeben. Er lebte achtzig Jahre, von denen genau die Hälfte (427 bis 387) eine Lehr- und Wanderzeit waren: Sie führten ihn nach Kyrene, wo er Mathematik studierte, nach Ägypten, wo er in die Geheimlehren, und nach Unteritalien, wo er in den Pythagoreismus eingeweiht wurde, schließlich nach Sizilien zu Dionys, wovon schon die Rede war. Dann eröffnete er seine Schule im Gymnasion des Akademos, wo er teils in Vortragskursen, teils dialogisch (wir würden sagen: im Seminarbetrieb) Unterricht erteilte und seine Schüler auch in Syssitien (Kommersen) gesellschaftlich vereinigte. In 934 seinen Werken ist Plato Mystiker und Rationalist, gestaltender Dichter und auflösender Satiriker in einer Person. Der platonische Sokrates ist als Porträt ungefähr ebenso authentisch wie Tasso und Tell, Shaws Cäsar und Ibsens Julian, das heißt: in einem höheren Sinne eben doch wahr, während der xenophontische bestenfalls eine Fotografie ist, das heißt: ein Zufallsbild, und dazu noch von einem Amateur. In Plato erhebt sich das plastische Genie des Hellenenvolks noch einmal auf einem ganz neuen Gebiete zu höchster Leuchtkraft und Originalität. Durch die dramatische Form, die er gewählt hat, erhält die Philosophie, sonst stets eine Sache der ausgesprochenen oder unausgesprochenen Ichform, die Objektivität einer Reliefkomposition. Ganz anders muß es sich mit den verlorengegangenen Dialogen des Aristoteles verhalten haben, von denen berichtet wird, daß ihren Personen die individuelle Charakteristik fehlte und daß Aristoteles die Leitung des Gesprächs sich selbst zuteilte. Daran sieht man, daß er die platonische Form gar nicht verstanden hat, deren Genialität gerade darin besteht, daß Gedanken sich zu lebendigen Figuren verdichten und daß, der sie denkt, gar nicht vorkommt: Plato verschwindet hinter seinem Werk wie Homer und Phidias.

Auch die platonischen »Ideen«, sind die Konzeption eines bildenden Künstlers: ganz wie in der Plastik offenbart sich hier die wahre Realität der Erscheinungswelt in unvergänglichen Urbildern, die alle Einzelbilder zusammengefaßt enthalten. Idea kommt von ἰδεῖν, sehen, und will daher von vornherein nicht etwas Abstraktes, sondern etwas Anschauliches bezeichnen. Die Ideen sind paradeigmata: Musterbilder, Modelle, und die Erscheinungen ihre homoiomata: Nachbilder, Porträts oder mimemata: Nachahmungen, Kopien, natürlich um so vollkommener, je mehr sie sich dem Urbild nähern. Was er mit den Ideen meint, hat Plato am packendsten und deutlichsten in dem berühmten Gleichnis von der Höhle ausgesprochen: die 935 Menschen sind wie Gefangene in einer unterirdischen Grotte, die dort angekettet sitzen, ohne den Kopf wenden zu können; in ihrem Rücken ist ein Licht, und zwischen diesem Licht und ihrem Rücken ziehen allerlei Gegenstände vorüber: Die Gefangenen vermögen weder das Licht noch die Gegenstände noch sich selbst zu sehen, sondern nur die Schattenbilder auf der Höhlenwand, die vor ihren Augen liegt. Da also die ganze Natur eine Nachspiegelung der Ideen ist, so hat Plato die Kunst als eine bloße μίμησις μιμήσεως, ein Nachbild des Nachbilds geringgeschätzt. Man hat dies öfters als einen Mangel an Kunstsinn angesehen, es ist aber im Gegenteil das Bekenntnis zu einer Weltanschauung höchsten Künstlertums, die bereits die tägliche Erfahrung zu einem künstlerischen Akt macht. Aber allerdings nur die von der Philosophie geleitete. Denn es stehen sich bei Plato scharf getrennt zwei Welten gegenüber: eine Welt dessen, was wird und nie ist, und dessen, was ist und nie wird; die Körper und die unkörperlichen Gestalten (ἀσώματα εἴδη); die αἴσϑησις, die sinnliche Wahrnehmung, die nur ein vernunftloses Meinen ist, und die νόησις, die Vernunfterkenntnis, die nicht logische Abstraktion ist, sondern künstlerische Synopsis, intuitive Zusammenschau, Wesensschau. Denn die Ideen sind ja nicht in den Einzeldingen enthalten wie die Begriffe, sondern umgekehrt die Dinge in ihnen. Das wahre Wissen, das Erfassen der Idee ist eine Sache der Einbildungskraft, von der Kant gesagt hat, sie dürfe zwar nicht schwärmen, solle aber unter der strengen Aufsicht der Vernunft dichten, und das Verlangen danach, der philosophische Enthusiasmus, ist eine Art Wahnsinn (μανία), gleich dem der Pythia. Als Antisthenes einmal zu Plato sagte: »Das Pferd sehe ich, die Pferdheit aber nicht«, erwiderte dieser: »Du hast eben nur das Auge, mit dem man das Pferd sieht, das Auge, mit dem man die Pferdheit sieht, hast du aber noch nicht.« Auch das Schöne ist für Plato ein Erinnern an das einst vor der Geburt 936 geschaute Urbild, an ein verlorenes Paradies, selige Ahnung, Sehnsucht, ἔρως, eine unglückliche Liebe. Den obersten Gipfel der Ideenwelt aber bildet die ἰδέα τοῦ ἀγαϑοῦ, die Idee des Guten: Sie ist das Licht in der Höhle, und gleich der Sonne ist sie Ursache sowohl für die Sichtbarkeit wie für das Gedeihen der irdischen Dinge. Die Materie aber ist das Unerkennbare und das Nichtseiende und der Leib ein Grab und Kerker der Seele, die ihre unvernünftigen Bestandteile nur der Verbindung mit ihm verdankt. Daher gibt es in Dingen der Physik nur ein Meinen, bestenfalls εἰκότες μῦϑοι, wahrscheinliche Reden. Da aber alles wahre Wissen nur eine Rückerinnerung an die Ideen bedeutet, die uns aus einem früheren und höheren Leben eingepflanzt sind, so muß man an die Präexistenz und Unvergänglichkeit der Seele glauben. Sehr merkwürdig ist ein anderer Unsterblichkeitsbeweis. Plato sagt nämlich einmal, jedes Wesen habe sein spezifisches Übel, an dem es zugrunde gehe: das Getreide am Mehltau, das Holz an der Fäulnis, das Eisen am Rost, bei der menschlichen Seele sei dies die Ungerechtigkeit; da sie aber durch diese nicht geschädigt wird, sondern nur noch an Lebenskraft gewinnt, so ist sie offensichtlich unzerstörbar. Das klingt wie eine gigantische Ironie auf den Weltlauf und die Wurzelverderbtheit des Irdischen. In der Tat hält Plato die Natur für das Reich des Übels und Flucht aus ihr in den Zustand der Heiligkeit für die Aufgabe der Philosophen, und im übrigen dürfte sein letztes Wort über alle Fragen der Praxis und Realität in dem Ausspruch enthalten gewesen sein: »τὰ τῶν ἀνϑρώπων πράγματα μεγάλης οὐκ ἄξια σπουδῆς, die Angelegenheiten der Menschen sind großer Beachtung nicht wert.«

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