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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 458
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Aristipp

Selbstverständlich sind auch die Philosophen lauter solche Originale. Aristipp, dessen Schule, weil er aus dem reichen und 930 leichtlebigen Kyrene stammte, die kyrenaische genannt wurde, war ein Schüler des Sokrates, lebte aber ganz und gar nicht sokratisch, indem er sich seinen Unterricht gut bezahlen ließ und auch das Mäzenatentum der beiden Dionyse reichlich in Anspruch nahm: als der Ältere ihn fragte, warum die Philosophen zu den Königen kämen, aber diese nicht zu jenen, antwortete er: »Weil die Philosophen wissen, was ihnen nottut, die Könige aber nicht.« Seine Grundlehre bestand in folgendem: Die Wahrnehmung belehrt uns über unsere Zustände (πάϑη), aber nicht über die Dinge, die die Ursachen dieser Zustände sind (τὰ πεποιηκότα τὰ πάϑη), daher gibt es nur von den ersteren ein Wissen und auch die praktische Philosophie hat sich nur mit ihnen zu befassen; es gibt aber nur dreierlei Arten von πάϑη: lustvolle (ἡδέα), schmerzliche (ἀλγεινά) und die Indifferenzzustände der Lust- und Schmerzlosigkeit (τὰ μεταζύ); erstrebenswert ist von diesen dreien nur die Lust, die hedone. Indem er behauptet, unsere Meinung über die Dinge habe nicht einmal für das einzelne Subjekt Gültigkeit, schlägt dieser auf die Spitze getriebene Sensualismus in sein Gegenteil um, nämlich in die völlige Leugnung der Realität. Ebenso verhält es sich mit Aristipps Hedonismus. Nach ihm ist das einzige wahrhafte Gut die Lust, alles andere beruht auf Vorurteil. Wirkliche Lust kann aber nur die gegenwärtige (παρούσα), die körperliche (σωματική) und die einzelne Lust sein, denn die vergangene ist nicht mehr da, die zukünftige ungewiß, die geistige eingebildet und, was wir »Glück« nennen, nur die Summe der einzelnen Lustmomente. Diese echte Lust aber, das einzige, was dem Leben Wert verleiht, ist ein seltener Zustand und nur schwer zu erreichen: durch πόνος, Anstrengung, die offenbar zur zweiten Klasse der schmerzlichen Zustände gehört, und deshalb empfiehlt sich Einsicht (φρόνησις) und weiser Gleichmut (εὐϑυμία), der sich in die Verhältnisse zu schicken weiß, was sich wiederum dem dritten Zustand der Indifferenz nähert. Auf 931 diese Weise wird der Hedonismus in seiner praktischen Durchführung zu seiner Kehrseite.

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