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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 454
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Pauperismus und Plutokratie

Man muß zwar immer wieder hören, eines der Hauptverdienste Alexanders sei es gewesen, daß er die alte Welt hellenisiert habe; aber die griechischen Formen, die er verbreitet hat, sind niemals etwas anderes gewesen als ein äußerlicher Kitt und Firnis, etwa wie die französischen im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert. Man könnte viel eher sagen, daß er das griechische Wesen alexandrisiert und dadurch als 920 Weltgriechentum am Leben erhalten hat. Denn das nationale Hellenentum war im vierten Jahrhundert bereits in voller Zersetzung begriffen. Im Heerwesen nahm ein zügelloses Söldnerwesen überhand. Die Besitzenden gehen lieber ihren Geschäften nach; das Proletariat aber ist für jede Werbemacht zu haben. Ist diese Soldateska unbeschäftigt, so geht sie auf eigene Faust der Beute nach und bildet ganze Korps von Banditen und Piraten oder stellt sich irgendeinem revolutionären Abenteurer zur Verfügung, ob er sich Oligarch oder Demokrat nennt. Neu ist auch die Erscheinung des Berufsoffiziers. Aber die griechische Taktik hat mit den sizilischen und makedonischen Errungenschaften nicht Schritt halten können. Sie arbeitet zwar schon bis zu einem gewissen Grade mit kombinierten Waffen, indem sie neben den Hopliten die Gymneten und Peltasten verwendet; diese, die »Schildmänner«, waren die leichte Truppe für Aufklärung, Hinterhalt und Verfolgung, jene, die »Nackten«, Unbewaffneten, rekrutierten sich aus Bogenschützen, Speerschützen und Steinschleuderern, die deckten, vorschwärmten und verschleierten. Aber all dies steckte noch in tastenden Anfängen: Die entscheidende Formation blieb immer die Phalanx; und zudem bestand gegen die Schußwaffen seit altersher ein Vorurteil: sie galten als unfair. Im Herakles des Euripides sagt Lykos: »Mannesmut hat keiner noch bewiesen als Bogenschütze, seine Waffen sind die feigen Pfeile, seine Kunst die Flucht«; aber Amphitryon erwidert ihm: »Der Lanzenkämpfer ist der Waffe Sklave, wenn ihm die Spitze bricht, so ist er wehrlos. Das ist im Krieg die höchste Kunst: vom Zufall unabhängig schaden.« Sehr rückständig war das griechische Heerwesen auch darin, daß es sich von seinem unförmigen Troß nicht zu emanzipieren vermochte: an jeder größeren Expedition beteiligten sich nicht nur die im Altertum so zahlreichen Diener und endlose Proviantkolonnen, sondern auch Opferpriester und Seher, Weiber und Kinder, Hetären und 921 Lustknaben, Händler, die den Soldaten die Beute abfeilschten, und Marketender, die ihnen wieder das Geld abnahmen.

Wie fast immer in Zeiten des Pauperismus entwickelte sich als dessen Komplement eine üppige Plutokratie, die aber ihres Lebens nicht froh wurde. »Es ist jetzt in Athen so arg geworden«, schreibt Isokrates, »daß die Vermögenden in größerer Bedrängnis leben als die Bedürftigen.« Die perikleische Demokratie wird zu ihrer eigenen Karikatur, je konsequenter sie ihren unsinnigen Grundgedanken: die Herrschaft aller zu verwirklichen sucht. Andrerseits haben die Reichen jeden Gemeinsinn verloren: Sie erblicken, wie Lysias sagt, nicht im Staat, sondern im Besitz ihr Vaterland. Protzentum und geistloser Luxus machten sich breit. Jede Stadt muß ihre prunkvollen Festspielhäuser haben, während sie die notwendigen Nutzanlagen verfallen läßt. Bei den Aufführungen legt man den Hauptwert auf die pompöse Ausstattung: Von der Inszenierung einer euripideischen Tragödie hieß es, sie habe mehr gekostet als der Bau der Propyläen. Eine Hauptfigur in der Komödie und im Leben ist der Koch; eine besonders angesehene Rolle spielt er als Traiteur, der eine Delikatessenstube führt und in seine Häuser gastieren geht: er fühlt sich als Künstler, redet in homerischen Gleichnissen, gibt sich astrologische Allüren und behauptet, nach der pythagoreischen Harmonielehre zu kochen; bisweilen verfaßt er auch gelehrte Kochbücher, sogar in Hexametern. Sein Gegenstück ist der Parasit, der sich im Raffinement des Schnorrens geradezu zum Artisten entwickelt. Die Spartaner verachteten zwar mit Emphase den Genuß von Zuckerwerk, das nur für Heloten gut sei, aber von den Gänselebern wußten selbst sie auch schon, daß sie am besten schmecken, wenn das Tier mit Feigen gemästet wird. Sehr geschätzt war auch der Siebenschläfer nach dem Winterschlaf, wo er sehr fett ist. Als der leckerste Vogel galt die Drossel: Eine Portion kostete eine Drachme, und die Händler bliesen sie auf, um sie 922 dicker erscheinen zu lassen. Die Liebhaberei für Fische war allgemein und bei manchen Feinschmeckern Manie, die deshalb von den Komikern als ἰχϑυολύμαι, »Fischdreck«, bezeichnet wurden; das ἰξϑυοτροφεῖον, der Fischteich von Agrigent, war eine Sehenswürdigkeit und die Fischweiber genossen schon denselben Ruf wie heutzutage. Die Schnecken, von denen man glaubte, daß es sie regne (weil sie nach dem Regen hervorkommen), aß man in Essig und Honig als Aphrodisiakum und zur Einrenkung des Magens, Krabben nur im niederen Volk, Flußkrebse gar nicht (wahrscheinlich weil sie Aasfresser sind), Hummer und Langusten hingegen waren sehr begehrt; ein Rhetor der philippischen Zeit namens Kallimedon führte wegen seiner Passion für diesen Leckerbissen den Spitznamen karabos, Languste. Auch der Tintenfisch war, leicht geröstet, eine verbreitete Speise; er hieß spottweise »Pechkacker«, aber sein Saft wurde als Tinte und Malerfarbe erst im Spätaltertum verwendet; sein zähes, schwerverdauliches Fleisch, das Nordländern meist wenig zusagt, wird bekanntlich noch heute, in Öl paniert, von den Italienern mit Leidenschaft gegessen.

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