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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 452
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Seele Alexanders

Wir wissen daher über seine Persönlichkeit, obgleich sie im vollbeleuchteten Zenit der antiken Geschichte stand, eigentlich wenig und Widersprechendes. Was sein Liebesleben anlangt, so wird einstimmig berichtet, daß er für seine Gattin Roxane, eine vornehme Perserin, die die schönste Frau Asiens gewesen sein soll, eine heftige Leidenschaft hatte. Er heiratete dann noch mehrere persische Prinzessinnen, darunter die Königstochter Stateira, offenbar aus politischen Gründen, um sich auch äußerlich als Erben der Achaimeniden zu bezeichnen; diese Ehe blieb kinderlos. Im übrigen wird gemeldet, daß er für weibliche Reize auffallend unempfindlich gewesen sei, was Plutarch aus frommer Keuschheit, Berve aus seiner Hingabe an das gleiche Geschlecht herleitet. Hierfür könnte nur seine schwärmerische Neigung zu Hephaistion sprechen, die aber sehr wohl rein platonisch gewesen sein kann: in allem, was über dieses 915 Verhältnis erzählt wird, findet sich nichts, das sich nicht mit reiner Freundschaft erklären ließe. Daß alle Knaben in Alexanders Umgebung vom Hofklatsch als seine Lustknaben angesehen wurden, ist eine Selbstverständlichkeit ohne jede Beweiskraft. Hingegen berichtet Plutarch, daß er päderastische Angebote mehrfach mit Entrüstung zurückgewiesen habe, wozu Berve bemerkt, daß dies für die Erotik des Königs weniger bezeichnend sei als die Tatsache, daß man hoffte, dadurch seine Gunst zu erwerben. Aber welchem antiken Menschen wurden denn keine solchen Anträge gemacht? Nimmt man noch hinzu, daß Alexander sein Leben lang von einer unersättlichen Leidenschaft für Jagd und Gymnastik erfüllt war, der er sogar während der Feldzüge huldigte, und daß seine ganze Laufbahn unter übermenschlichen Strapazen verlief, die nur durch ebenso gigantische Trinkexzesse unterbrochen waren, so wird man sich der Annahme zuneigen müssen, daß er sich zwischen Aphrodite und Artemis ähnlich entschieden hat wie der sporttrunkene Hippolytos.

Seine Bildung muß ungewöhnlich groß gewesen sein. Aristoteles hatte ihn mit der ganzen Breite des damaligen Wissens bekannt gemacht, auch gemeinsam mit andern Lehrern in Musik und Rhetorik unterwiesen. Des Königs ewiges Ideal, dem er heiß nachstrebte, war Achill; da dieser aber, gegen einen Alexander gehalten, doch nicht mehr war als ein tapferer Rowdy, so kann er in ihm nur den Helden der Ilias verehrt haben, die er denn auch, in einer von Aristoteles eigens besorgten Ausgabe, in einem kostbaren Kästchen immer bei sich trug. Auch mit den Tragikern war er genau vertraut und zitierte sie gern bei allerhand Anlässen. Sein lebhaftes Interesse für bildende Kunst grenzte bereits an Snobismus, indem er den Malern und Plastikern in ihre Arbeiten hineinredete, wofür er einmal von Lysipp eine geistreiche Abfuhr erhielt. Bei seinen Feldzügen ließ er stets wissenschaftliche Forschungen 916 anstellen. Ähnlichen Zwecken diente auch die von ihm geschaffene Hofkanzlei, die in den »königlichen Ephemeriden«, amtlichen Tagebüchern, sämtliche politischen, militärischen und administrativen Vorgänge genau registrierte und in dem Journal der »Bematisten« alle Erfahrungen über Wege und Zeiten, Fauna und Flora, Terrain und Besiedlung aufzeichnete. Es wurde bereits erwähnt, daß er auch für die technischen Fortschritte der Sizilier große Anteilnahme zeigte: die Helepolen, »Stadteroberer«, die er vor Tyros verwendete, waren die größten Belagerungstürme, die jemals errichtet worden sind; sie hatten zwanzig Stockwerke und eine Höhe von über 53 Meter. Es lebte überhaupt in ihm ein Zug zum Kolossalen, der sich aber nicht, wie philiströse Geschichtsschreiber behauptet haben, aus Größenwahn herleitete (denn was wäre schon bei einem Alexander größenwahnsinnig zu nennen?), sondern ganz einfach der antizipierte Geist des Hellenismus war. Er hatte, wie Diodor berichtet, die Absicht, seinem Vater ein »pyramidengleiches« Grabmal zu weihen. Deinokrates, der Erbauer Alexandrias, errichtete für Hephaistion einen Prunkscheiterhaufen, der zehntausend Talente gekostet haben soll (was wahrscheinlich übertrieben ist) und unter anderm mit tausend vergoldeten Kolossalstatuen geschmückt war, derselbe Deinokrates plante, den ganzen Athosberg in eine Statue Alexanders umzuwandeln, mit einer Stadt für zehntausend Einwohner in der rechten Hand und den gesammelten Gewässern des Berges in der linken, und Alexandria selbst ist ja eine einzigartige Riesenschöpfung.

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