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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 451
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das Geheimnis Alexanders

An dem Attentat war Olympias, die Gattin Philipps und Mutter Alexanders, höchstwahrscheinlich nicht unbeteiligt. Sie hatte dem König, der eine zweite legitime Gattin genommen hatte, ebenfalls Rache geschworen, und ihre ganze spätere Lebensgeschichte, die angefüllt ist mit finsteren Taten großartiger Leidenschaftlichkeit, legt den Verdacht nahe, daß sie auch hier schon die Hand im Spiele hatte. Sie war eine Tochter des Molosserkönigs, also Vollbarbarin, geheimnisvollen, wilden Kulten ergeben, und selbst der milde Plutarch nennt sie »hitzig 912 und zornmütig«. Durch sie ist ein ganz inkommensurables Element in den Charakter ihres Sohnes gekommen, das, vereinigt mit dem Erbe des Vaters, eine Gestalt erzeugte, wie sie sonst nur die Sage kennt. Mit Alexander tritt ein ungriechischer Geist in die abendländische Geschichte, oder man kann auch sagen: eine neue Phase des griechischen Geistes: die griechische Romantik. Romantisch ist seine Faszination durch den Orient, die von einer ganz andern Leidenschaft gespeist ist als die harmlose Neugierde eines Herodot, sein Drang ins Grenzenlose und Uferlose, der zugestandenermaßen bis ans Ende der Welt gelangen will, sein Kosmopolitismus, sein Glaube an die Allmacht des Genies, sein Leben in Reminiszenzen: Achill, Herakles, Dionysos, seine Freundschaft für den Feind, seine Galanterie gegen Frauen. Alexander ist ein Ritter und sein Grundpathos die Sehnsucht. Selbst in sekundären Äußerlichkeiten bekundet sich das völlig Neue des Typs, wie zum Beispiel in der Bartlosigkeit, die unbürgerlich imperialistisch ist: man kann sich Cäsar und Augustus, Napoleon und Mussolini nicht anders als rasiert denken.

Alexander hat Energieleistungen vollbracht, die mit allen Mitteln der modernen Technik nicht wiederholt worden sind und noch mehr Bewunderung verdienen als seine Siege in den Schlachten: Man denke an den erobernden Vormarsch durch Turkestan, Afghanistan und Belutschistan und dann ins Fünfstromland über starrende Wüsten, reißende Ströme und eingeschneite Hochgebirge; und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb hatte er immer etwas von einem Traumwandler. Er handelte wie unter einer fremden Macht, willenlos, aber sicher vorwärtsgetrieben. Deshalb gab er seine Person auch immer preis in Schlachten, unerhörten Strapazen, Zechgelagen, auf eine tollkühne Weise, die wir, wollten wir sein Wirken auf einer rein empirischen Ebene erblicken, unvernünftig nennen müßten. Es findet sich im sogenannten Alexander-Roman, der 913 fälschlich dem Kallisthenes, dem Hofhistoriographen Alexanders, zugeschrieben wird und im Mittelalter sehr verbreitet war, eine sehr merkwürdige Stelle: die Brahmanen fragen Alexander: »Warum führst du denn so viele Kriege? Mußt du denn nicht wieder alles anderen hinterlassen?«, und Alexander antwortet: »Ich wünschte wohl mit den Kriegen aufzuhören, aber der Gebieter meines Geistes läßt es nicht zu. Wären wir alle eines Sinnes, so wäre die Welt leblos.« Das ist heraklitisch gedacht, aber auch sokratisch: Auch Alexander war das Werkzeug eines daimonions, das ihm freilich andere Dinge befahl als dem athenischen Weisen.

Aristoteles gibt dem Königtum vor der Aristokratie in zwei Fällen den Vorzug: wenn ein Volk so tief steht, daß es zur Selbstregierung unfähig ist, und wenn ein einzelner über die andern so sehr emporragt, daß diese in ihm den geborenen König verehren müssen: Solche Männer können nicht Teile, sondern nur Herrscher des Staats sein, sie wandeln wie Götter unter den Menschen. Höchstwahrscheinlich hat Aristoteles dabei an seinen Schüler gedacht. Die extremste und konsequenteste Demokratie der Welt endete in der extremsten und konsequentesten Form der Monarchie: dem Gottkönigtum. Dieses pflegt entweder ganz naive oder ganz atheistische Religionsvorstellungen zur Voraussetzung zu haben; aber die Griechen waren in diesen Dingen eigentlich niemals ganz naiv gewesen und wurden niemals ganz aufgeklärt. Ihre Phantasie, die nichts ernst nahm, war eben darum auch imstande, alles zu akzeptieren, und soviel wert wie die Olympier war ein Alexander ja bestimmt. In Ägypten wurde er übrigens auf ganz legalem Wege zum Gott, denn nach der dortigen staatsrechtlichen Fiktion war, wie wir uns aus dem vorigen Bande erinnern, der Pharao von Ammon gezeugt; diesen aber identifizierten die Griechen seit jeher mit Zeus. Über die Gedanken, die sich Alexander selber dabei gemacht haben mag, gibt vielleicht ein 914 Wort Napoleons einen Wink, der nach der Krönung zu Decrès sagte: »Ich gebe zu, daß meine Karriere nicht übel ist und daß ich meinen Weg gemacht habe. Aber welcher Unterschied gegen das Altertum! Als Alexander Asien erobert hatte, gab er sich als Sohn Jupiters aus und das ganze Altertum, mit Ausnahme der Olympias, des Aristoteles und einiger athenischer Pedanten, schenkte ihm Glauben. Wollte ich mich heute für den Sohn des Allmächtigen erklären: ein jedes Fischweib würde mich auszischen. Die Völker sind eben gegenwärtig zu aufgeklärt und es ist nichts mehr zu machen.« In der Selbstvergötterung Alexanders vermischen sich wirklicher Glaube (oder Aberglaube), Macht des orientalischen Bodens, Dämonie aus dunklen Barbarenwurzeln, Einsamkeit der Größe, Gefühl der tatsächlichen Allmacht und nüchterne Realpolitik (einen andern juristischen Titel für die Herrschaft über Hellas und Asien gab es nicht); und das Resultat ist etwas Unbegreifliches. Oder, wie es Helmut Berve zusammenfaßt: »Sein Gesicht war das des unerklärbaren Genius.«

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