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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 45
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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»Planetarische« Weltgeschichte

Man muß sich darüber klarwerden: die Perspektive des Positivismus ins »Kosmische« ist, ungeachtet ihrer schwindelerregenden Quantitätsausmaße, die subalternere, die kleinere! Denn sie hat keinen zentralen Blickpunkt, also keine Seele. Ebenso dachte man ja auch fälschlich, eine »planetarisch« orientierte Weltgeschichte sei die »größere«. Sie ist aber bloß die dickere: die unförmigere, undynamischere. Sehr treffend sagt Benedetto Croce, die von den Europäern konzipierte Geschichte könne nur europäozentrisch sein, »wenn sie nicht die Geschichte in einen Ausstellungssalon der verschiedenen 96 Zivilisationstypen verwandeln will«. Geschichtsschreibung ist nicht eine tote Addition einander gleichgültiger Fakten, ein synchronisierendes Nachziehen von »Parallelen«, die sich niemals schneiden, sondern der Versuch, einen Organismus abzubilden, das heißt: eine Symbiose sich gegenseitig bedingender, ineinandergreifender lebendiger Kräfte. Es gibt Weltgeschichten, die vom »ethnogeographischen« oder »anthropologischen« Gesichtspunkt ausgehen, zum Beispiel das neunbändige Sammelwerk, das Helmolt herausgegeben hat. Aber das ist »statische« Geschichte, »mechanische« Geschichte, also ein Widerspruch in sich selbst. Der Effekt ist eine Bereicherung oder vielmehr Belästigung unseres Gedächtnisses mit leeren Namenhülsen, Jahreszahlen, die sich selbständig gemacht haben, und Kuriositäten, deren Sinn verraucht ist. Die außereuropäischen Völker sind für uns nur soweit geschichtlich, als sie ein Glied unserer Geschichte sind; und das sind sie erst seit heute oder gestern. Bis zu diesem Zeitpunkt sind sie bloß geographische, nicht historische Realitäten. Griechenland ist ein Stück unserer Seele, China ist ein Reiseziel. Als dort der große Kaiser Shi-Huang-Ti regierte und sich (für die Chinesen) Ungeheures ereignete, lag es für uns, nicht bildlich gesprochen, sondern buchstäblich, auf dem Monde. Samoaner, Lappen und Bantuneger sind in unserem historischen Bewußtsein keine Ponderabilien; also haben sie niemals existiert. Auch Japan geht uns erst seit wenigen Jahrzehnten etwas an. Der Begriff der Weltgeschichte ändert fast mit jeder Generation seinen Umfang und Inhalt. Wir tragen unser heutiges Weltgefühl, das in der Tat planetarisch ist, in das der Vergangenheit ein, was ganz unhistorisch gedacht ist. Unser Bild ist natürlich ebensowenig »objektiv« oder »vollständig« wie das mittelalterliche oder das biblische, vielmehr sind alle drei von gleichem Wert. Im Jahre 1241 brachte der Mongolenkhan Ogdai dem deutsch-polnischen Heere bei Liegnitz eine furchtbare Niederlage bei. Den 97 Ritterheeren, die Europa damals aufzubringen vermochte, waren die Mongolen nicht nur numerisch, sondern auch in der Organisation und Bewaffnung weit überlegen: sie besaßen bereits Kanonen, die sie aus China mitgebracht hatten. Sie hätten damals Mitteleuropa zu einer asiatischen Provinz machen können. Sie zogen aber wieder ab; aus unbekannten Gründen. Von dieser ungeheuern Gefahr hat aber damals in Europa kein Mensch etwas bemerkt; sie ist daher für den Historiker nicht vorhanden. Ein Vierteljahrtausend früher wurde Europa durch den Chiliasmus in Aufregung versetzt: den weitverbreiteten Glauben, daß im Jahr 1000 die Welt untergehen werde; der Chiliasmus ist daher ein nicht unwichtiges historisches Phänomen. Wenn es uns eines Tages gelingen sollte, auf den Mars zu gelangen, so wäre es historisch berechtigt, unsere Geschichte in eine vormarsische und eine nachmarsische einzuteilen, auch bestände die Möglichkeit, eine Geschichte des Mars bis zu seiner Entdeckung zu schreiben: aber diese synchronistisch mit der Erdgeschichte zu erzählen, wäre offenbarer Unsinn.

 

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