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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 447
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Kelten

Das bedeutendste außenpolitische Ereignis des römischen Mittelalters war der Einfall der Gallier vom Jahr 390 (oder 384). Dieser große Volksstamm, der von den Griechen Κελτοί oder Γαλάται genannt wurde, begann sich um 400 von Deutschland und Frankreich aus in der sogenannten keltischen Völkerwanderung in Bewegung zu setzen und Spanien, England und Oberitalien zu überfluten; seine heutigen Nachkommen sind die Iren, deren Sprache noch jetzt im Englischen als das Gälische bezeichnet wird. Die Kelten waren ein ausgesprochenes Hirtenvolk und hielten es eines freien Mannes für unwürdig, den Boden selbst zu bestellen; in den reichen Eichenwäldern der Poebene trieben sie mit Vorliebe Schweinezucht. Ihre fremdartige Erscheinung wirkte auf die Mittelmeervölker unheimlich und lähmend. Auf der Oberlippe, die der Römer stets rasierte, hatten sie einen mächtigen Schnauzbart sitzen, das zottige Rothaar ließen sie ungeschoren um die Schultern wehen, den Hals schmückten sie mit einem dicken Goldring, ihre Pferde mit den Schädeln getöteter Feinde, den Oberkörper trugen sie nackt, das Haupt ungeschützt. Und dazu kam ihre ebenso ungewohnte wie ungestüme Kampfweise, die auf jede Methodik, sogar auf Pfeile und Wurfwaffen verzichtete und lediglich durch den barbarischen Elan des Angriffs wirkte. Gerade diese Primitivität war ihre Stärke und machte sie im Zusammenstoß mit regulären Truppen zu ebenso unwiderstehlichen Gegnern wie die französischen Revolutionsarmeen, die anfangs auch 904 keine andere Taktik hatten als die der Masse, des Geschreis und des Überrennens und die geistreichen Manöver der wohldisziplinierten Feindesformationen einfach niederstampften. Der militärische Geist war bei den Kelten noch stärker entwickelt als bei den Römern, Krieg für sie der fast ausschließliche Sinn des Lebens; daneben hatten sie, nach Catos Charakteristik, nur noch eine Leidenschaft für das argute loqui, was Mommsen vorzüglich mit Esprit übersetzt. Der Esprit ist eine ganz unenglische Eigenschaft; wo er sich in der angelsächsischen Literatur findet, steckt fast immer ein Ire dahinter; vielleicht geht sogar der französische Esprit auf keltischen Einschlag zurück. Ganz romanisch war an den Galliern auch ihre unrömische Lust am Renommieren (sie sollen sogar die im Krieg empfangenen Wunden künstlich erweitert haben, um damit mehr prahlen zu können) und die im Altertum sonst unbekannte Sitte der Duelle. Daß sie auch viel Phantasie besaßen, zeigt ihre reichentwickelte Saga, in der mythologische und historische Helden, magische Stiere und Schweine, Hirsche und Schlangen zu bunten Geschehnissen verflochten sind. Ihre Religion kannte fast nur Gottheiten des Naturlebens: der Bäume und Haine, Gewässer und Gestirne. Die Eiche, die besonders heilig gehalten ward, wurde in ganzen Wäldern vergöttlicht, ihr Stamm mit dem Blute der Opfer gefärbt, Tieropfer wurden zur Sühne, Abwehr und Danksagung dargebracht, Menschenopfer galten als die wirksamsten, besonders vor der Schlacht; sogar religiöser Kannibalismus scheint bisweilen vorgekommen zu sein. Zur Sommersonnenwende wurden Freudenfeuer entzündet, durch deren Flammen die Feiernden sprangen. Eine sehr mächtige Priesterschaft, die sogar das Staatswesen leitete, bildeten die Druiden. Dru heißt »sehr«, uid heißt »sehen«: sie waren also Menschen, die besonders gut sehen konnten: Seher. Sie übten auch die Funktionen eines Wettermachers und Medizinmanns, und ihren Zaubersprüchen traute man zu, daß sie 905 verwandeln, unsichtbar machen, Tote erwecken könnten. Ihre sehr umfangreichen Geheimlehren waren nicht schriftlich niedergelegt, sondern wurden gedächtnismäßig fortgepflanzt. Neben ihnen gab es noch eine eigene Klasse von Wahrsagern. Der uâtis (der im Lateinischen ganz ebenso heißt) prophezeite aus den Wolken, den Eingeweiden, den Vogelstimmen, dem Flug und Lauf der Tiere, dem Rauch der Flamme. Der tote Krieger wurde, mit dem Blick in die Feindgegend, in voller Rüstung auf dem Holzstoß verbrannt; mit ihm alles, was er geliebt hatte, auch Lebewesen. Die Kelten glaubten an ein materielles Fortleben nach dem Tode, entweder in einem neuen Körper oder in demselben von den Göttern verklärten; sie liehen einander sogar Geld auf Rückgabe im Jenseits.

Die Römer machten den Fehler, den Galliern entgegenzugehen, statt sich in der Stadt zu verschanzen, an deren Belagerung diese gescheitert wären. Am Flüßchen Allia kam es zur Schlacht, die mit einer katastrophalen römischen Niederlage endigte; der 18. Juli galt noch in später Zeit als dies ater. Man hatte aber auch verabsäumt, die Befestigungen in Verteidigungszustand zu setzen, so daß der Feind, von dem zersprengten römischen Heerkörper ungehindert, alles niederbrennen und ausplündern konnte; die Weiber und Kinder vermochte man noch in die Nachbarstädte in Sicherheit zu bringen. Aber die Besatzung auf dem Kapitol hielt sich, und in Veji begannen sich die geschlagenen Truppen wieder zu sammeln. So verstanden sich die Sieger, die ja niemals ernstlich daran gedacht hatten, sich in Rom dauernd festzusetzen, gegen ein Lösegeld von tausend Pfund Gold zum Abzug. Es war eine furchtbare Episode gewesen, aber doch nur eine Episode. Eine der wichtigsten Folgen der dauernden Bedrohung durch die gallische Invasion war der Zusammenschluß zwischen Römern, Samniten und Kampanern, so daß der latinische Bund nunmehr den größten Teil Mittelitaliens umfaßte. 906

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