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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 446
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das römische Mittelalter

Hingegen war während des fünften und vierten Jahrhunderts langsam, aber stetig der römische Staat erstarkt. Dort hatten nach dem Sturz des Königtums und der Einsetzung der beiden Konsuln die sozialen Kämpfe zwischen Patriziern und Plebejern zur Errichtung des Tribunats geführt. Der Tribun, dessen Person heilig und unverletzlich ist, ist sozusagen der 902 Generalpatron der Plebs, die seine Klientel bildet. Er ist mit seinem Vetorecht, durch das er jede Handlung eines römischen Beamten ungültig zu machen vermag, und seiner Befugnis, jederzeit Versammlungen einzuberufen, die Revolution in Permanenz, aber zugleich auch die legalisierte Revolution, die kupierte Revolution. Um die Mitte des fünften Jahrhunderts wurde ein Kollegium von zehn Männern, die Dezemvirn, beauftragt, das Stadtrecht festzustellen und auf zwölf Bronzetafeln aufzuzeichnen. Kurz darauf gelang es den Plebejern, die Ehegemeinschaft mit den Patriziern durchzusetzen, die im Zwölftafelgesetz noch verpönt war. Aber es dauerte noch hundert Jahre, bis regelmäßig eine der beiden Konsulstellen mit einem der ihrigen besetzt wurde. Im übrigen liegen alle Ereignisse noch immer im gespenstischen Nebel der Sage. Aber die Figuren, von denen die dunkle Kunde raunt, haben doch alle etwas Einprägsames und Suggestives: Mucius Scaevola mit der Hand im Feuer, Cloelia zu Pferd über den Tiber, Horatius Cocles, der allein die Brücke verteidigt, Cincinnatus, der als Diktator vom Pflug geholt wird, Lucretia, die sich geschändet den Tod gibt; das sind lauter Gestalten wie alte Heiligenbilder, roh und dürftig geschnitzt und doch von Magie umwittert. Bisweilen schimmert die Wahrheit durch: so war Coriolan, aus dem die spätere Legende unbegreiflicherweise einen Nationalhelden gemacht hat, offenbar ein Lump von griechischem Schnitt, indem er zuerst sein Vaterland an die Volsker und dann wiederum diese verriet. Von naiver Offenherzigkeit ist auch die berühmte Fabel des Patriziers Menenius Agrippa, durch die er die Plebejer zum Einlenken bewogen haben soll: Er vergleicht seine Klasse mit dem Magen, der allerdings unentbehrlich ist, aber doch bloß frißt und verdaut; er kam nicht auf den Gedanken, sie dem Herzen, dem Hirn oder doch wenigstens der Lunge gleichzustellen. Im ganzen aber muß man sagen, daß die Innenpolitik der Römer viel billiger und staatsklüger vor sich 903 ging als die griechische: rechtlose Perioiken, geknechtete Heloten, ausgesaugte Bundesstädte hat es bei ihnen ebensowenig gegeben wie eine Oligarchie des Terrors oder eine größenwahnsinnige Demokratie; dadurch waren sie in der Lage, die Volkskraft politisch und militärisch viel mehr auszunützen als die hellenischen Poleis, die keine andere Staatsform zu konzipieren vermochten als die Tyrannis: eines einzelnen, einer Partei oder einer Stadt.

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