Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 443
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Die beiden Dionyse

Tyrannen vom Typus des Lysander und Alkibiades, sogar von noch ausgeprägterem Charakter, gab es damals auch schon in Sizilien. Dort hatte sich gegen Ende des fünften Jahrhunderts im Kampf gegen den karthagischen Erbfeind, der bereits mehr als zwei Drittel der Insel in Besitz hatte, Dionysios zum König von Syrakus emporgeschwungen. Er nannte sich aber niemals so, sondern bloß στρατηγὸς αὐτοκράτωρ, Feldherr mit unbeschränkter Vollmacht, und behielt die republikanischen Formen zum Schein bei. Seine Herrschaft stützte er auf die ärmeren Schichten, die er mit Grundbesitz ausstattete, die Verbannten, die er zurückberief, die Fremden, denen er das 894 Bürgerrecht verlieh, und die Sklaven, die er befreite, vor allem aber auf eine zahlreiche Garde von größtenteils ausländischen: kampanischen, keltischen, iberischen Söldnern, deren Offiziere aber meist Hellenen waren. Wie die meisten Militärmonarchien bediente sich seine Regierung auch eines sehr strengen und argwöhnischen Polizeisystems und ebenso raffinierter wie drückender Finanzmethoden. Mit diesen dunklen Mitteln hat er aber Großes geleistet. Unter ihm wurde Syrakus die größte Stadt nicht nur der griechischen Welt, sondern des ganzen Altertums: von dem anderthalbfachen Umfang des kaiserlichen Rom und einer Ausdehnung des Mauerrings, die 2,75 Kilometer betrug. Um die Verteidigung auf eine bis dahin unerhörte Höhe zu bringen, errichtete er nicht nur kolossale Befestigungen, sondern er wurde auch der Schöpfer der antiken Artillerie und eines neuen Typs der Schlachtschiffe, der Tetreren und Penteren. Beides hängt zusammen: für Türme und Geschütze brauchte man stärkere und größere Schiffe, die weniger rasch, weniger beweglich und lenkbar, aber dafür tragkräftiger und widerstandsfähiger waren. So entstand das Großschiff und Panzerschiff, wie in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts aus ähnlichen Gründen die Panzerfregatte und der Monitor. Auch zu Lande verwendete man mehrstöckige Türme, die sich auf Rädern bewegten: die oberen Stockwerke schleuderten Pfeile, Bleigeschosse und Steinkugeln, das unterste trug den κριός oder Widder, einen starken Balken mit eisernem Kopf. Die bewegende Kraft bildeten elastische Tiersehnen, die, zwischen zwei Balken eingezogen und an den beiden Enden in entgegengesetzter Richtung gedreht, eine sehr bedeutende Spannung zu entwickeln vermochten. Diese sogenannten Torsionsgeschütze wurden um 400 in Syrakus erfunden. Sie unterschieden sich im Prinzip nicht von unseren Pulverkanonen; man war auch schon imstande, Steilfeuer zu erzeugen. Die Pfeilschleuderer und Steinwerfer, Leitern und Fallbrücken, 895 Mauerbrecher und Fahrtürme, die Alexander der Große und zum Teil schon sein Vater bei Belagerungen verwendete, waren bloße Nachahmungen der sizilischen Apparate; und vorher besaßen die Griechen der Ägäis überhaupt noch keinen Geschützpark.

Nach siebenjähriger Rüstung und sechsjährigem Kampf gelang es Dionys, die Karthager zwar nicht vollständig, aber doch so weit zu verdrängen, daß fünf Sechstel der Insel ihm untertan waren. In einem zweiten Krieg gegen Karthago erlitt er zwar bei Kronion eine entscheidende Niederlage, aber im großen und ganzen vermochte er sich doch zu behaupten und außerdem auch in Unteritalien Fuß zu fassen. Seine letzten Regierungsjahre waren eine segensreiche Friedenszeit, nur umwölkt durch die Menschenfurcht und Einsamkeit des Autokraten, die im »Schwert des Damokles« ein unsterbliches Symbol und in Schillers Bürgschaft, noch stärker in seinem Philipp eine ergreifende Gestaltung gefunden hat. Plato hat, als er den Tyrannen besuchte, in gewisser Hinsicht eine Art Posarolle gespielt; die Sache wäre auch beinahe ebenso tödlich ausgegangen. Als Dionysios im Alter von dreiundsechzig Jahren starb, war Sizilien die anerkannt stärkste Macht der hellenischen Welt und Syrakus die Hauptstadt des Mittelmeers. Als Ursache seines Todes galten die übermäßigen Trinkgelage, die er aus Freude über einen Sieg im dramatischen Agon Athens veranstaltet hatte: Er verfiel in ein hitziges Fieber, bei dem die Ärzte ein wenig nachgeholfen haben sollen. Er war nämlich tatsächlich ein Dichter, was man von seiner sonst rein aufs Praktische gerichteten Natur gar nicht erwarten würde, und soll in seinen Tragödien den Euripides nachgeahmt haben. Viele überlieferte Züge zeugen davon, daß er ein geistreicher und ganz ungewöhnlicher Kopf und sogar im Grunde eine liebenswürdige Natur gewesen sein muß. Daneben war er selbstverständlich, wie alle Usurpatoren, ein skrupelloser Gewaltmensch, aber nur ein so 896 eiserner Wille konnte das welthistorische Werk vollbringen, Sizilien von der karthagischen Umklammerung zu befreien. Vielleicht wären ohne ihn die Römer schon zu spät gekommen. Die Griechen in ihrem traditionellen Tyrannenhaß haben sein Andenken viel zu sehr ins Schwarze gemalt; der ältere Scipio bekannte, von allen Männern der Geschichte, die er kenne, sei ihm Dionys als der kühnste und besonnenste erschienen. Er war, um es mit einem Wort zu sagen, auf politischem Gebiet der erste Hellenist: die Selbstherrscher der Alexandrinerzeit sind in den entscheidenden Zügen der Staatsverwaltung seine Nachfahren und Doubletten.

Auf ihn folgte sein gleichnamiger Sohn, ganz wie ein Kronprinz, völlig unangefochten in der Regierung. Er war aber lange nicht so bedeutend und tatkräftig wie sein Vater, vielmehr ein zügelloser Dekadent, der zwischen Orgien und Menschenbeglückungsideen, Cäsarenwahn und Philosophie hin und her flackerte. Bemerkenswert ist seine Regierung lediglich durch die zweimalige Reise Platons, der, gemeinsam mit dem jungen Herrscher und dessen Oheim Dion, einem tragikomischen Ideologen, den »Idealstaat« zu verwirklichen suchte, selbstverständlich vergeblich, indem er damit, wie Eduard Schwartz treffend bemerkt, den Beweis lieferte, »daß die Politik für den Professor zu schwer, der Professor aber für die Politik zu gut ist«. Schließlich wurde der zweite Dionys von Timoleon gestützt und lebte noch lange in Korinth, als Schulmeister eine weniger gefährliche und weniger welthistorische Tyrannis übend.

 << Kapitel 442  Kapitel 444 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.