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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 441
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Maler

Die großen Maler und Bildhauer sind von der Komödie verschont worden, aber sicherlich nicht aus Respekt, sondern weil man sie im Gegenteil als Persönlichkeit überhaupt nicht ästimierte. Von Agatharchos, dem »Skenographen«, haben wir schon gehört. Er war Bühnen- und Zimmermaler, und sein IIlusionismus galt vielen als eine würdelose Kunst für Ungebildete. Apollodor, der »Schattenmaler«, wurde ebenfalls bereits erwähnt: Auch diese Bezeichnung war abfällig gemeint, und seine Erfindung »des abnehmenden Lichtes und der abgetönten Farbe« galt in konservativen Kreisen für gemeine Taschenspielerei; Plato verglich sie mit der Sophistik. Noch zwei andere 890 große Neuerungen gehen auf Apollodor zurück: Er ersetzte die Wassermalerei durch die Temperatechnik, indem er die Farben mit Eiweiß, Gummi oder Leim oder auch dem Milchsaft der Feigen anrührte und dadurch viel glänzendere koloristische Wirkungen erzielte, und er emanzipierte sich von der Architektur, indem er statt der Wandgemälde Bilder auf stucküberzogenen Holztafeln herstellte; daneben findet sich im Altertum auch die geschliffene Marmortafel, besonders bei Grabmälern, Leinwand aber fast niemals. Daß Apollodor sich seiner großen Bedeutung bewußt war, zeigt sein Ausspruch: »Durch meine Tür treten die anderen Maler herein.« Etwas jünger war Zeuxis. Er malte nur einzelne Szenen von mäßigem Umfange. Die mythologischen Situationen soll er vermenschlicht und zum Teil ins Genrehafte transponiert haben: wahrscheinlich deshalb sprach ihm Aristoteles das Ethos ab. Lukian sagte von ihm, er strebe immer danach, Neues zu erfinden. Das sind euripideische Züge. Auch war er der erste große Maler der Frau: Von einem seiner weiblichen Porträts, einer nackten Helena, für deren Besichtigung er Entree verlangte, hieß es, in ihr seien alle Reize vereinigt, die die Frauen sonst einzeln besäßen; und wenn Nietzsche gesagt hat, Euripides habe den Zuschauer auf die Bühne gebracht, so läßt sich aus antiken Berichten entnehmen, daß Zeuxis den Betrachter auf die Staffelei gebracht hat. Seine beiden großen Rivalen waren Parrhasios und Timanthes. Von dem ersteren wissen wir, daß er den geheuchelten Wahnsinn des Odyß und den attischen Demos gemalt hat: zwei außerordentlich schwierige Vorwürfe, denn das eine Mal mußte der Widerstreit raffinierter Klugheit und glaubhafter Blödheit in demselben Gesicht dargestellt werden und das andere Mal eine Person, die es überhaupt nicht gibt. Denn wir dürfen uns nicht vorstellen, daß ein Parrhasios sich mit einer öden klassizistischen Allegorie begnügt hat, sondern er wird wirklich die Seele des athenischen Volkes gemalt haben, in ihrer unvergleichlichen 891 Mischung aus Geist und Verruchtheit, Gift und Honig. Über den zweiten Timanthes hat Plinius gesagt: »Seine Werke sind dadurch ausgezeichnet, daß man in ihnen stets mehr erkennt, als eigentlich gemalt ist«: ein höheres Lob gibt es nicht. Und in seiner Opferung Iphigeniens war der Höhepunkt das verhüllte Haupt Agamemnons: Eine künstlerischere Auffassung ist nicht denkbar.

Viele antike Anekdoten meldeten teils von dem ungeheuren Selbstgefühl dieser Künstler, teils von der unglaublichen Wirkung ihrer Werke. Zeuxis soll seine Bilder verschenkt haben, da sie ja doch unbezahlbar seien, und in Olympia in einem Gewand erschienen sein, worein sein Name in goldenen Buchstaben eingewebt war; sein Ende soll dadurch verursacht worden sein, daß er sich über sein eigenes Bild einer alten Frau totlachte. Von Parrhasios hieß es, er sei ebenfalls ganz in Gold gegangen, vom Kranz bis zu den Schuhschnallen, und habe sein Selbstporträt »Gott Hermes« genannt. Die bekannte Erzählung, daß Zeuxis durch seinen Knaben mit der Traube die Vögel, Parrhasios aber durch einen gemalten Vorhang den Zeuxis selber getäuscht habe, hat noch eine hübsche Fortsetzung, indem Zeuxis nach einiger Überlegung sogar zugesteht, daß nur die Trauben gut gemalt gewesen seien, sonst hätte der Knabe die Vögel schrecken müssen. Wenn wir uns erinnern, welche Wunderdinge schon von der Naturwahrheit der ältesten Werke berichtet wurden, so wird man wohl annehmen müssen, daß auch diese Geschichten nur den relativen Fortschritt in der Wirklichkeitsannäherung illustrieren sollten. An eine tatsächliche Wiedergabe der Lichtwelt ist wohl überhaupt noch nicht zu denken, sondern nur an eine leuchtendere und reichere Palette und ein Aufhöhen und Runden im Sinne einer plastischen, nicht einer eigentlich malerischen Wirkung, also etwa des bemalten Reliefs. Man konnte sicher die Figuren noch gerade so herausschneiden wie bei Polygnot. Diese Maler werden 892 genausoviel und genausowenig Verismus besessen haben wie Euripides.

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