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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 440
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Komödie

Gleichzeitig enthält die euripideische Tragödie aber auch komödienhafte Züge. Sie wagen sich aber nur schüchtern hervor, denn das ganz unimpressionistische Auge des Hellenen empfand Farbenmischungen als stillos. Etwas wie den tragischen Humor eines Calderon und Shakespeare oder das tragikomische Doppellicht eines Ibsen und Shaw wird man im antiken Drama vergeblich suchen. Die moralische Satire hatte ihre ausschließliche Domäne in der Komödie. Man mißversteht diese Kunstform, wenn man sie mit der heutigen vergleicht, mit der sie nur den Namen gemeinsam hat, und dabei etwa an Sittenstücke, Lustspiele oder auch nur Schwänke denkt. Die sogenannte »ältere Komödie« des fünften Jahrhunderts entsprach ganz einfach unseren Witzblättern. Sie ist gespielte, gesungene und getanzte Invektive, Invektive als Selbstzweck, ohne die geringste Ambition, eine dramatische Fabel zu entwickeln, einen menschenähnlichen Charakter zu gestalten, eine poetische Idee darzustellen. Und sie ist eine Invektive von einer so hemmungslosen Niederträchtigkeit, Brutalität und Verlogenheit, daß sie in keiner Literatur ein Gegenstück hat. Die Griechen haben eben auf allen Gebieten nur Spitzenleistungen geschaffen. Daß die Opfer sich dies gefallen ließen, läßt sich nur aus der pathologischen hellenischen Ruhmsucht erklären. Denn vor der ganzen Welt derart exzessiv besudelt zu werden, war eben doch auch wiederum eine Auszeichnung. Daß eine normale Theaterwirkung gar nicht beabsichtigt war, geht schon allein daraus hervor, daß die Komödie geflissentlich an der Zerreißung der Illusion arbeitete: durch Hereinziehen des Publikums, des Autors, früherer Stücke, Apostrophierung stadtbekannter Personen des Auditoriums und ähnliche Sprengungen des Bühnenrahmens: so sagt zum Beispiel in den Wolken die 887 ungerechte Rede zur gerechten: »In unserer Zeit ist es keine Schande mehr, ein Schweinehund zu sein! Blick doch um dich! Was siehst du hier? Marathonkämpfer oder Schweinehunde?« – »Fast lauter Schweinehunde«, muß die gerechte Rede zugeben, »ich bin besiegt!«; im Frieden ruft Trygaios, als er auf einem Mistkäfer zum Himmel emporschwebt: »Ach, lieber Maschinenmeister, gibt doch nur gut acht, daß nichts passiert!«, und als Dionysos auf seiner Hadesfahrt in Bedrängnis gerät, bittet er seinen eigenen Priester, der in der ersten Reihe auf einem Ehrenplatz saß, ihm beizustehen (zugleich ein Beweis, was man sich gegen die Götter erlauben durfte). Die ständige Einrichtung der Parabase, eines Lieds, worin der Chor mit abgenommener Maske dem Publikum die Absichten des Dichters auseinandersetzte und gegen alles Erdenkliche polemisierte, diente ausschließlich der Auflösung ins Private. Wie Nestroy den Theaterapparat Raimunds, so verhöhnt Aristophanes den euripideischen, Trygaios auf dem Mistkäfer parodiert den Ritt Bellerophons auf dem Pegasus, und wenn die Wolken damit enden, daß alles in Flammen aufgeht, so soll das den Schluß der Troerinnen lächerlich machen. Dazu kam der Kordax, ein cancanartiger Tanz, der zweifellos sehr obszön war; bei ihm bewegten sich nicht bloß die Beine, sondern auch Arme und Rumpf, Kopf und Gesäß in besonderen Rhythmen, deren Erfindung zu den Aufgaben der komischen Dichter gehörte.

Als der Schöpfer der politischen Komödie gilt Kratinos, der seit der Mitte des Jahrhunderts dichtete. Man nannte ihn den Aischylos der Komödie und rühmte, daß er wie in einem dionysischen Rausche dichte, was wohl zum Teil ganz wörtlich zu nehmen ist, denn seine Weinseligkeit bildete die stehende Zielscheibe der Angriffe seiner Rivalen. In seiner letzten Dichtung Frau Flasche, die 423 über die Wolken siegte, hat er in gemütlicher Selbstironie seinen Durst verteidigt, indem er 888 nachwies, daß seine Gattin, die Komödie, und seine Freundin Methe, die Trunkenheit, sich vertragen müßten, denn »ein Wassertrinker schafft was Rechtes nie«. Sonst weiß man von seiner Satire nicht viel mehr, als daß sie sich angelegentlich mit dem Zwiebelkopf des Perikles beschäftigte, der bei ihm eine ähnliche Rolle gespielt zu haben scheint wie der Birnenkopf Louis Philippes bei Daumier und die drei Haare Bismarcks im Kladderadatsch. Sein jüngerer Kollege Eupolis dichtete seit etwa 425 und fiel schon 411 in einer Seeschlacht. Seine Polemik war so giftig, daß die Legende aufkam, Alkibiades habe ihn aus Rache ins Meer gestürzt. Seine Schmeichler richteten sich gegen den reichen Kallias und seine Parasiten, seine Hermaphroditen gegen die Verweichlichung der jeunesse dorée, seine Poleis gegen die Aussaugung der Bundesstädte. Ursprünglich dichtete er mit Aristophanes gemeinsam, aber später, wie das schon mit Kollaboratoren zu gehen pflegt, verfeindeten sich die beiden und bezichtigten sich gegenseitig des Plagiats. Kratinos erklärte, Aristophanes hinke doch immer nur hinter Eupolis her. Das scheint keine bloße Bosheit gewesen zu sein, vielmehr läßt nicht nur die Wut, in die Aristophanes über diese Bemerkung geriet (er rächte sich in den Rittern, indem er Kratinos als versoffenen alten Trottel hinstellte), sondern auch das einstimmige Urteil der Alten darauf schließen, daß Eupolis mindestens ebenso bedeutend war wie Aristophanes. Was nun diesen anlangt, so beruht seine Schätzung (und wohl auch Überschätzung) bei der Nachwelt eben darauf, daß er der einzige Komiker ist, von dem sich Beträchtliches erhalten hat (von über vierzig Stücken elf, also, wie bei Euripides, etwa ein Viertel). Kratinos scheint das stärkere Original, Eupolis der feinere Artist gewesen zu sein. Die Stellung der aristophanischen Kritik zu ihrem Zeitalter war eine ganz andere, als wir sie heutzutage von einem Komödienschreiber erwarten würden. Während bei uns die Satire immer »fortschrittlich« und 889 revolutionär ist, war sie im alten Athen reaktionär und konservativ. Alles Vergangene war gut und alles Neue war schlecht. Die Art, wie Aristophanes die gute alte Zeit herausstreicht und die Gegenwart heruntermacht, ist aber so offenkundig unehrlich und krampfhaft, daß sie uns nicht zu überzeugen vermag. Sie hat auch sicher sein Publikum nicht überzeugt, sondern dieses betrachtete seine polemischen Exzesse als einen ergötzlichen Fastnachtsspuk und als eine Art »komische Katharsis«, bei der es seine eigene Gemeinheit und Bösartigkeit abreagieren konnte. Ohne klassizistische Vorurteile betrachtet, ist Aristophanes ganz einfach der großartigste Revolverjournalist, von dem die Weltliteratur zu künden weiß. Wie so viele Satiriker, war er nichts weniger als ein »freier Geist«, sondern ein Philister mit umgekehrtem Vorzeichen, ein kleinherziger Denunziant und unter der Maske des Moraltrompeters eine ganz amoralische Größe. Freilich wendet man immer wieder (und mit Recht) ein, daß die rein poetischen Partien oft von großer Schönheit sind. Es ist übrigens eine gar nicht so seltene Erscheinung, daß starke satirische Potenzen auch lyrische Talente sind, obgleich man doch eigentlich meinen sollte, daß diese beiden Fähigkeiten sich ausschließen. Moderne Beispiele sind Heinrich Heine und Karl Kraus.

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