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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 44
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Spengler

In einer kleinen, aber ungemein gehaltvollen Schrift Der Mensch und die Technik, die erfüllt ist von jenem eigentümlichen kalten Glanz, wie ihn alle seine Werke ausstrahlen, hat Oswald Spengler seine Vision vom Entwicklungsgang der Menschheit aufgezeichnet. Für ihn ist der Mensch ein Raubtier: »nur der feierliche Ernst idealistischer Philosophen und anderer Theologen besaß nicht den Mut zu dem, was man im stillen recht gut wußte.« Und zwar ist der Mensch der Typus des erfinderischen Raubtiers. Wodurch ist er dazu geworden? »Die Antwort lautet: durch die Entstehung der Hand . . . Sie muß plötzlich entstanden sein, jäh wie ein Blitz, ein Erdbeben, wie alles Entscheidende im Weltgeschehen, epochemachend im höchsten Sinne.« Mit der Hand zugleich waren Waffe und Werkzeuge gegeben, als ihre notwendige Ergänzung. Eine zweite derartige »Mutation« ereignete sich durch die Entstehung der Sprache, deren Gebrauch identisch war mit Unternehmung, Berechnung, Organisation: sie fällt nach Spenglers Ansicht in das fünfte vorchristliche Jahrtausend. Heute stehen 95 wir auf dem Gipfel, dort, wo der fünfte Akt beginnt. »Die letzten Entscheidungen fallen. Die Tragödie schließt.«

Diese Katastrophenphilosophie ist zweifellos eine tiefere Konzeption als der bürgerliche Evolutionismus; und auch eine heroischere. Aber der eisige Pessimismus Spenglers denkt nur in Katastrophen, und noch dazu in sinnlosen: »an und für sich ist es belanglos, welches Schicksal dieser kleine Planet hat, der irgendwo im unendlichen Raum für kurze Zeit seine Bahnen zieht . . . Die Geschichte des Menschen auf diesem Planeten ist kurz, ein jäher Aufstieg und Fall von wenigen Jahrtausenden, etwas ganz Belangloses im Schicksal der Erde.« Das ist naturalistischer Atheismus, obschon höchsten Ranges; bei aller Genialität eine mephistophelische Ansicht. Spengler ist, obgleich er ihn bekämpft, immer noch von Darwin fasziniert. Aber alles Geschaffene ist Leben, alles Lebendige ist Geist; Leben und Geist haben eine Geschichte, aber keinen Anfang; und jede Ruine ist ein Blütenboden. Vor Gott sind alle Planeten gleich groß, alle Lebensläufe gleich ewig, und vor seinem Thron gibt es nur gefallene Seelen, nicht emporgestiegene Raubtiere. Wahrscheinlich ist nicht einmal das Raubtier ein Raubtier. Nur in Augenblicken der Vergeßlichkeit sozusagen, die freilich nicht selten sind, ist der Mensch eines. Und das Abendland wird untergehen, aber nur soweit es von Spengler ist.

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