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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 438
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Thukydides

Sein Stil und sein Weltbild wurden wahrscheinlich bestimmend für Thukydides, der in Athen als Feldherr und Staatsmann wirkte, aber 424 wegen der Kapitulation von 879 Amphipolis freiwillig in die Verbannung ging und erst nach zwanzig Jahren wieder zurückkehrte. Zwanzig Jahre umfaßt auch seine Geschichte des Peloponnesischen Krieges, die bis zum Jahr 411 reicht. Er hatte gleich beim Beginn des Kampfes, seine Bedeutung erkennend, den Plan gefaßt, ihn mitlebend zu erzählen. Seine Darstellung gründet sich prinzipiell und durchgängig auf Augenschein: persönliche Beteiligung, Berichte von Tatzeugen, Besichtigung der Kriegsschauplätze. Auch Materialien aus dem athenischen Staatsarchiv hat er reichlich benützt, aber in seinen Stil umgegossen. Seine Objektivität ist vorbildlich und bis zum heutigen Tage unerreicht. Man kann aus seinem Werk absolut nicht erkennen, daß er auf athenischer Seite kämpfte, und obgleich seine berühmte Leichenrede des Perikles als Hohelied der Demokratie gilt, so hat er doch andrerseits die Schäden seiner heimischen Staatsform so schonungslos aufgedeckt, daß der hochkonservative Hobbes ihn ins Englische übersetzte, in der ausgesprochenen Absicht, seine Landsleute von der Demokratie abzuschrecken. Aber die innere Politik interessiert Thukydides im allgemeinen überhaupt nur, insoweit sie einen Hebel der Kriegsgeschichte und der diplomatischen Geschichte bildet. Erschöpfend dargestellt sind eigentlich nur die militärischen Ereignisse, selbst die Zusammenhänge der Außenpolitik nicht lückenlos. Die Annalistik, an deren Leitschnur die Geschehnisse linear aufgereiht werden, ist historischer Reliefstil. Wir begegnen also auch hier derselben Zweidimensionalität wie in der Tragödie, und die Rolle der dritten Dimension, die dem Aspekt psychologische Tiefe verleiht, spielen dort die Chöre, hier die eingebauten Reden. Im Grunde war also Thukydides bloß der größte aller Chronisten, die jemals Feder geführt haben, und es ist vielleicht nicht ganz richtig, wenn er immer wieder als Begründer der pragmatischen Geschichtsschreibung gefeiert wird. Thukydides war Pragmatiker nur in der antiken Bedeutung, die dieses von Polybios geprägte 880 Wort besitzt: daß er nämlich Tatsachen schilderte, aber er war es nicht in dem modernen Sinne, daß er die geheimen Verknüpfungen und Fernwirkungen, Fäden und Hintergründe des Weltgeschehens aufzudecken versuchte. Noch bei Polybios, über dessen Geschichtsauffassung das ganze Altertum nicht hinausgekommen ist, liegt die Lenkung aller Dinge in den Händen der Tyche, der Fortuna, deren Walten die Alten als »Schicksal«, wir aber, und von unserem Standpunkt mit Recht, als »Zufall« bezeichnen. Pragmatische Geschichte ist etwas völlig Unantikes, so gut wie unser Drama, unser Gemälde, unsere Physik, unsere Politik, die alle ein »Konzert« sind: auf der Gefühlswelt des Ambiente und des Kontrapunkts aufgebaut. Deshalb gibt es auch keine griechische Chemie. Und ebensowenig einen griechischen Roman: was man so nennt, ist nichts als ein Kaleidoskop beziehungsloser Abenteuer, ein Mosaik aus toten Buntsteinen, eine lärmende, willkürliche Zauberposse. Thukydides ist der glänzende Plastiker der fertigen Charaktere und der stehenden Situationen: Etwas anderes war für den griechischen Blick gar nicht erfahrbar. Geschichte als Symphonie, Geschichte als Prozeß war für ihn nicht einmal Problem, geschweige denn Darstellungsobjekt. Seine Geschichte ist aber auch nicht pragmatisch in jenem zweiten Sinne, den man dem Wort in der neueren Zeit häufig gegeben hat: daß sie ein Tugendspiegel und ein Lasterspiegel sein will. Denn er moralisiert nie. Er blickt auf das Schauspiel als ein Mann: ohne Wehmut, freilich auch ohne Erhebung, ja fast wie ein Gott: in olympischer Unberührtheit und reiner ϑεωρία. Sein Werk ist die erhabene Unpersönlichkeit der Parthenonskulpturen, seine Sätze sind Marmor. Er sagt alles in der denkbar konzentriertesten Form und er sagt überhaupt nie alles, geschweige denn zuviel. Dem ganzen Altertum galt er als der Meister der σεμνότης, der Gehaltfülle und Gedankenschwere, der maiestas und gravitas, was ihn freilich auch nicht selten zur 881 Dunkelheit und Künstlichkeit verleitete, über die schon seine Landsleute klagten. In seiner naturwissenschaftlichen Kälte, die, das eigene Ich auslöschend, die Dinge schildert wie der Entomolog einen Ameisenhaufen oder Bienenkorb, ähnelt er Flaubert, in seiner illusionslosen Realpolitik, die in aller Kreatur nur ein mehr oder minder gelungenes Stück Machtwillen erblickt, erinnert er an Machiavell, und mit Shakespeare ist er durch jene geheimnisvolle Gabe verwandt, auch das Verruchteste noch mit den brennendsten Farben des Lebens zu malen: Er ist geradezu ein Spezialist des Bösen. Und überhaupt ist seine Technik eine dramatische. Sie stellt Gegenwärtiges dar, indem sie entweder Handlungen geschehen oder handelnde Personen selber sprechen läßt. Dies sind die berühmten Reden. Sie sind in Wirklichkeit Monologe, ans Publikum gerichtet, nicht an ihre fingierten historischen Hörer, und haben, wie gesagt, die Funktion des Chors. Sie sind ein Kunstgriff, um ohne Einmischung des Autors, die die dramatische Illusion zerreißen würde, die Philosophie der Ereignisse sprechen zu lassen. Alle antiken Historiker haben sich dieses befremdlichen Porträtierungsmittels bedient, das den »Charaktergemälden« der neueren Geschichtsschreiber entspricht. Aber der Grieche war eben nicht Maler, sondern Plastiker: Die Reden sind Idealstatuen, alle in dieselbe stilisierte Gußform gebracht, aus der das Ethos und Pathos des Künstlers spricht, daher ihre große Familienähnlichkeit. Im übrigen erklärt Thukydides ganz einfach, wie Sophokles, Handlungen aus Charakteren. Aber der warme Glaube, der diesen noch beseelte, ist zergangen. Die Götterwelt wird nicht geleugnet und ist sogar Gegenstand der Ehrfurcht und der Sehnsucht, aber es blickt doch überall die Überzeugung durch, daß sie den Historiker nichts angeht. Es ist ungefähr das respektvolle desinteressierte Verhältnis Rankes zum Christentum. Das Schicksal ist der Mensch. Das ist euripideisch. 882

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