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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 435
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Demokrits Ethik

Auch die Seele besteht nach Demokrit aus Atomen: den feinsten und beweglichsten, die er Feueratome nennt; was wir als Gefühle und Begierden bezeichnen, sind die Bewegungen dieser Feueratome. Auf der Grundlage dieser streng materialistischen Psychologie hat er aber eine ausgesprochen idealistische Ethik entwickelt. Die sinnlichen Genüsse, sagt er, bedeuten für das wahrhaft ethische Verhalten dasselbe, was die Sinneseindrücke für die wahre Erkenntnis; Glück und Unglück hängen nicht von äußeren Dingen ab, sondern von dem Dämon in unserer Brust; die Götter geben den Menschen nichts als Gutes, nur ihre eigene Torheit wendet es zum Schlechten. Die wahre Glückseligkeit setzt er in die Genügsamkeit, in die Reinheit der Tat und der Gesinnung, in die Bildung des Geistes, die »im Glück ein Schmuck, im Unglück eine Zufluchtsstätte« ist, und vor allem in jenen Zustand der heiteren Gemütsruhe, den er mit einem schönen Wort die galene, die Meeresstille der Seele, nennt. Ferner lehrt er, Unrechttun mache unglücklicher als Unrechtleiden und man dürfe das Böse nicht bloß nicht tun, sondern auch nicht tun wollen; man solle sich vor sich selber mehr schämen als vor den anderen und das Unrecht meiden, einerlei ob keiner oder jeder davon weiß, was schon fast kantisch gedacht ist. Fassen wir alles zusammen, so erkennen wir, daß Demokrit zwar theoretischer, aber nicht praktischer Materialist und daß sein System materialistisch, aber keineswegs realistisch war. Diese Begriffe werden nämlich häufig durcheinandergeworfen, weil sie sich in der neueren Philosophie zumeist decken. So versteht man bekanntlich unter einem Epikureer nicht nur einen Anhänger des demokritischen Atomismus, sondern auch einen Anbeter der Sinnenlust. Auf Epikur selbst trifft diese Definition jedenfalls nicht zu. Noch größere Mißverständnisse herrschen über den zweiten Punkt. Man kann Materialist sein, das heißt: nichts für existent anerkennen als die Materie, aber braucht deshalb noch lange nicht an die Realität der 873 Erscheinungswelt zu glauben. Diese gedankenlose Plattheit ist bloß die Spezialität einer bestimmten Richtung des Materialismus, der modernen, die wir aber, da sie die bekannteste ist, gemeinhin für die einzige ansehen. Das stärkste Gegenbeispiel ist Demokrit. Seine beiden einzigen Realitäten: die Atome und der leere Raum, sind überhaupt gar nicht wahrnehmbar. Er sagt denn auch ausdrücklich: »τὸ δὲν οὐ μᾶλλον ἐστὶ ἢ τὸ μηδέν, das Ichts (die Atomwelt) ist um nichts existenter als das Nichts (der leere Raum)«, und ein andermal: »In Wirklichkeit wissen wir nichts, denn die Wahrheit liegt in der Tiefe.« Er war also nicht nur, wie wir bereits sahen, Phänomenalist, sondern überhaupt Agnostiker und außerdem, was bei einem Materialisten am meisten überrascht, Antiempirist. Er betont, echte Erkenntnis, γνησίη γνώμη, könne niemals durch die irreführenden, von der Wahrheit ablenkenden Sinneseindrücke, sondern nur durch das Denken gegeben werden. Es ist von großer Wichtigkeit, sich einmal klarzumachen, daß die Weltkonzeption, auf der noch heute die exakte Wissenschaft fußt, nicht auf experimentellem, sondern auf rein spekulativem Wege gefunden worden ist. Die Atome sind Ideen und die demokritische Physik ist nicht minder Metaphysik als die platonische und die aristotelische.

Demokrit wird von Plato nie, von Aristoteles nur tadelnd erwähnt. Es hieß sogar, Plato habe alle demokritischen Schriften aufkaufen und verbrennen wollen. Diese Legende ist insofern Wahrheit geworden, als der Platonismus den Demokritismus tatsächlich verschluckt hat wie eine satanische Häresie, denn die Philosophie ist um nichts duldsamer als die Kirche. Es ist dies vielleicht von allen Verlusten antiker Werke der bedauerlichste, denn es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß Demokrit ein dem Plato ebenbürtiger Geist war; Cicero behauptet sogar, daß er auch als Stilist auf derselben Höhe stand. Die Nachwelt muß sich damit begnügen, nur in schwimmenden Umrissen das fast unglaubliche Phänomen zu konstatieren, daß 874 in jener gesegneten Epoche die beiden einzigen konsequenten und in sich geschlossenen philosophischen Systeme, der Idealismus und der Materialismus, fast gleichzeitig von zwei Genies so ehern zu Ende gedacht und so leuchtend gestaltet wurden, daß sie, für immer vorbildlich, noch heute unverrückbar am Firmament des menschlichen Denkens stehen, das eine als nahe vertraute Sonne, das andere als ferner flimmernder Stern, von dem nichts kündet als sein ewiges Licht.

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