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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 433
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Demokrits Atomistik

Es ist sonderbar zu denken, daß um dieselbe Zeit wie Sokrates Demokrit lebte, der einen völlig entgegengesetzten philosophischen Typus verkörperte. Er war Abderit wie Protagoras, kam aber nur ein einziges Mal nach Athen, wo ihn niemand kannte. Er hat aber offenbar auch gar nichts getan, um sich den Athenern bekannt zu machen, denn das ganz auf Fassade gestellte Treiben der Sophisten und selbst die unruhige Dialektik eines Sokrates scheint ihn abgestoßen zu haben. Erkennbar ist aus den Fragmenten nur sein glänzender Stil, seine Physik und seine Ethik; er schrieb aber auch über Mathematik und Astronomie, Erdkunde und Mineralogie, Zoologie und Botanik, Musik und Malerei, Poesie und Sprachtheorie und sogar über so spezielle Fachgebiete wie Landwirtschaft und Kriegswissenschaft, Meteorologie und Medizin. Er ist der Schöpfer des Weltbilds der exakten Naturwissenschaft. Aus leerem Raum, Materie und Gravitation baut er den gesamten Kosmos auf. Zweckursachen leugnet er (was Bacon gerühmt, Aristoteles beklagt hat): es herrscht nichts als die Ananke, die mechanische Kausalität. Die Materie aber besteht aus den Atomen, den »Unzerschneidbaren«, letzten Einheiten, die unteilbar, qualitätslos 868 und empfindungslos sind und sich nur durch Größe und Form, Anordnung und Lage unterscheiden. Alle irdischen Verschiedenheiten beruhen auf der ungleichen Verteilung, alle Veränderungen auf dem Druck und Stoß dieser Atome, deren Zahl unendlich und deren Bewegung ewig ist. Wenn wir den Grund dieser Bewegung wissen wollen, so ist dies ebenso töricht, wie wenn wir fragen, warum der Löwe Fleisch frißt. Sie ist ein Gegebenes, das immer da war und immer sein wird. Hiemit sind alle Erscheinungen auf Mechanik der Atome, alle qualitativen Unterschiede auf quantitative reduziert.

Nachdem Epikur die demokritische Naturlehre im wesentlichen wiederholt hatte, wurde sie von Pierre Gassendi, der sich angelegentlich mit Epikur beschäftigt hatte, um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts erneuert. Gassendi, Propst zu Digne, machte seinem Beruf nur das eine Zugeständnis, daß er die Atome von Gott erschaffen sein ließ; von da an aber geht auch bei ihm alles ganz mechanisch zu. Er war einer der scharfsinnigsten und geistreichsten Widersacher der cartesianischen Philosophie, darin aber mit Descartes einig, daß ein Körper nur dort wirken könne, wo er sei, und daß auch alle scheinbare Fernwirkung: die Bewegung der Himmelskörper, der Fall auf der Erde, der Magnetismus, auf sich fortpflanzenden Stoß kleinster Teile zurückgeführt werden müsse; konsequenterweise behauptete er daher, daß es kein Vakuum geben könne. Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts erklärte der Jesuit Boscovich die Atome für räumlich bestimmte, aber ausdehnungslose Punkte: diese umwälzende Auffassung wurde aber zunächst gar nicht beachtet, und erst Faraday, dessen Hauptwirken in das zweite Drittel des neunzehnten Jahrhunderts fiel, brachte eine ähnliche Theorie zur Anerkennung, indem er in den Atomen Kraftzentren erblickte. Inzwischen hatte aber bereits Dalton einen bedeutenden Fortschritt erzielt, als es ihm 1807 gelang, die Atomgewichte der Elemente zu bestimmen, 869 nämlich das Verhältnis, das zwischen der Atommasse eines jeden Elements und der gleichen des leichtesten Elements, des Wasserstoffs, besteht. Setzt man diese gleich 1, so ergibt sich zum Beispiel für ein Atom Sauerstoff die Gewichtszahl 16, für ein Platinatom die Zahl 207. Es lassen sich also nur die Relationen feststellen, was aber bereits eine sehr wertvolle Handhabe bildet. Hieran schloß sich die Entdeckung der Wertigkeit der Atome, ihrer Eigenschaft, sich mit den Atomen anderer Elemente immer in festen Mengenverhältnissen zu verbinden. Nimmt man wiederum Wasserstoff als Einheit, so erhält man zum Beispiel einwertige Elemente, deren Atome sich immer nur mit einem Atom Wasserstoff verbinden (Typus: Chlor im Chlorwasserstoff, HCl), zweiwertige (Typus: Wasser, H2O), dreiwertige (Ammoniak, NH3), vierwertige (Grubengas, CH4). Berzelius stellte fest, daß auch bei völlig gleicher chemischer Zusammensetzung eine ungleiche Anzahl der Atome, ja sogar eine abweichende Lagerung derselben Anzahl von Atomen genügt, um ganz verschiedene Körper entstehen zu lassen: lauter experimentelle Bestätigungen der demokritischen Grundanschauung. Hingegen glaubt man heute nicht mehr, daß die Atome unteilbar sind, sondern supponiert als letzte Bausteine die Elektronen, elektrische Einheiten, die vieltausendmal kleiner sind als die kleinsten Atome. Nach der Bohrschen Theorie ist das Atom ein Sonnensystem, worin in (relativ) ungeheuren Entfernungen Elektronen um einen (im Verhältnis zum Atomvolumen) winzigen Kern kreisen, der aber selbst wiederum zusammengesetzt ist und dessen Untersuchung Gegenstand einer besonderen Wissenschaft ist: der von Rutherford begründeten Kernphysik. Die Masse des Atoms ist aber lediglich ein Resultat seiner elektrischen Kernladung, die etwas schlechthin Immaterielles ist; sie ist bloß scheinbare Masse, der Knotenpunkt eines Kraftfelds. Den Gedanken, daß das Atom ein kleiner Kosmos sei, hätte Demokrit wahrscheinlich akzeptiert; daß es 870 aber kein materieller Körper, sondern ein bloßes Energiezentrum sei, hätte ihm wahnsinnig geklungen.

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