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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 432
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Philosophie des Sokrates

Sokrates war der athenischste Athener und wie Nestroy, der wienerischste Wiener, gerade aus dieser tiefsten Verbundenheit heraus der unbarmherzigste Kritiker seiner Vaterstadt. Man sollte sich nicht scheuen, diese beiden unvergleichlichen Originale miteinander zu vergleichen: beide waren unsterbliche Volksphilosophen, beide waren Meister des schöpferischen Witzes und der messerscharfen Dialektik, beide waren geniale Entlarver alles Allzumenschlichen und unter der Maske des Hanswursts Erzieher zur Wahrheit. Wenn Alkibiades im »Symposion« von Sokrates sagte: »Oft wünsche ich mir, er möge nicht unter den Lebenden weilen, und doch weiß ich, daß ich, wenn es wirklich einträte, darunter noch viel mehr leiden würde, so daß ich nicht weiß, wie ich mich zu diesem Menschen stellen soll«, so war diese Ambivalenz der Empfindungen nicht seine Spezialität, sondern die Haltung, die die ganze Stadt zu diesem Buffo von Savonarola einnahm. Er faszinierte seine Landsleute, aber ging ihnen auch ebensosehr auf die Nerven. Als seine Lebensaufgabe bezeichnete er selbst die »Menschenprüfung«, das heißt: er ging überall herum und bewies den Leuten, daß sie alle miteinander nichts verstünden, und zwar ein jeder gerade in seinem Fach. Dadurch machte er sich natürlich nicht sehr beliebt, um so mehr als er das Mittel der »Ironie« anwandte: er stellte sich nämlich, als ob er der Unwissende sei und Belehrung suche, und umgarnte seine Opfer so lange mit verfänglichen Fragen (eironeia kommt von eromai, fragen), bis sie völlig blamiert dastanden. Verwandt hiemit war das etwas ernstere Verfahren, das er seine »Maieutik« oder 865 Hebammenkunst nannte: der Versuch, durch geschickt angesetzte Fragen die Schüler zur Selbsterkenntnis und Welterkenntnis hinzulenken. Ein höchst philosophischer und geradezu künstlerischer Zug war es aber, daß er das Zwielicht seiner Ironie auch immer auf sich selbst fallen ließ: andernfalls wäre sein ewiges Definieren und Desavouieren unerträglich gewesen. In dieser genialen Fähigkeit, sich selbst nicht ernst zu nehmen, erinnert er an Shaw, der auch eine ganz ähnliche indirekte Methode der moralischen Erziehung befolgt und von grobgebauten Gehirnen ebenso leicht mit einem Zyniker und Zersetzer, Winkelzieher und Werteleugner verwechselt werden kann. Die gemeinsame Schwäche der beiden Denker ist ihr ethischer Rationalismus, nur daß darin Sokrates noch viel weiter ging als Shaw: er hat ihn auf die äußerste Spitze getrieben, und auch hierin war er Sophist. Eine Sache »verstehen« bedeutet bei ihm nicht: sie instinktiv können, sondern einen klaren Begriff von ihr haben. Tugendhaft sein heißt bei ihm: nach klar erkannten Begriffen handeln; alle Tugend ist lehrbar und lernbar, denn sie ist ein Wissen: nicht nur die Besonnenheit und die Gerechtigkeit, sondern sogar die Güte und die Tapferkeit. Es braucht wohl kaum betont zu werden, daß es sich gerade umgekehrt verhält: nur wer gut handelt, ohne darauf durch logische Erwägungen hingelenkt zu werden, ist wahrhaft gut, und nur wer der Gefahr entgegengeht, ohne sich viel Gedanken über sie zu machen, ist wahrhaft tapfer. Aber auch das bloße Wissen um das richtige Maß, das wir selber zu beobachten und an andern anzulegen haben, macht noch nicht besonnen und gerecht. Hiedurch ist die sokratische Morallehre trotz ihrer großen Wirkung auf die Nachwelt zu dauernder Sterilität verurteilt geblieben. Der platonische Sokrates sagt dies in schöner Erkenntnis seiner Grenzen einmal selber: »Der Gott hat mir aufgetragen, Geburtshilfe zu leisten, aber zu gebären hat er mir versagt.«

Nachdem die bisherigen Philosophen über den Bau und Sinn 866 der äußeren Natur gegrübelt hatten, fand Sokrates eines Tages, daß das Forschen nach dem Weltprinzip aussichtslos und auch gar nicht so wichtig sei und daß die wahre Aufgabe der Philosophie in Selbsterleuchtung und Willensläuterung: Erkenntnis des Ich und des Guten bestehe. Dies war eine Wendung zum Religiösen, und hier müssen wir nun Dostojewskij zum Vergleich heranziehen, dessen Totenmaske eine auffallende Ähnlichkeit mit Sokrates zeigt. Es ist der Kopf des zum Heiligen geläuterten Verbrechers. Ein gewisser Zopyros soll einmal dem Sokrates gesagt haben, seine Physiognomie deute auf niedrige Gesinnung und gemeine Leidenschaften. Als alle über diese offenkundige Fehldiagnose lachten, nahm Sokrates den Mann in Schutz, indem er erklärte, er besitze tatsächlich diese Anlagen, habe sie aber durch Selbstzucht überwunden. Wie Sokrates zur Sophistik, so steht Dostojewskij zum ›Bolschewismus‹: er bekriegt ihn aufs leidenschaftlichste, als den Erbfeind und Satan, und kämpft dabei doch nur gegen sich, gegen das Stück ›Bolschewismus‹, das in ihm selber steckt. Übrigens wäre auch Dostojewskij beinahe hingerichtet worden, und zwar als ›Bolschewik‹. Auch seine ans Pathologische grenzende Sucht, die Dinge zu bereden, erinnert an Sokrates. Am meisten verwandt aber sind die beiden durch ein mystisches Element, das sich in Somnambulismen, Verzückungen und Bewußtseinsspaltungen äußerte. Das berühmte »Daimonion« war eine sehr geheimnisvolle Sache von zweifellos halluzinatorischem Charakter. Auf jeden Fall steht fest, daß Sokrates lange nicht so gemütlich war, wie die Aufklärung des achtzehnten und der Liberalismus des neunzehnten Jahrhunderts ihn sahen.

In ihm erklimmt der hellenische Spieltrieb seinen schwindelerregendsten Gipfel. Er spielt sein ganzes Leben lang die Komödie Philosophie und inszeniert an dessen Schluß ganz bewußt und souverän die Tragödie Sokrates. Seine Biographie bis in seine letzten Augenblicke ist eine Kette von virtuos 867 gestellten Auftritten und brillant geschliffenen Pointen. Diese vorbildliche Auflösung des gesamten Daseins: seines Sinnes, seiner Form, seiner Höhepunkte und Hintergründe in lauteres Spiel mußte welthistorisch werden. Das griechische Theater war eine Kunstform, in der der Dichter nicht sein Letztes zu geben vermochte. Euripides hat mit dieser Form blutig gerungen, aber sie war stärker als er. Die Erfüllung des griechischen Dramas ist Sokrates. Darum ist er eine ewige Figur: der hellenische Faust. Genausoviel Philosoph wie dieser und genausoviel Religiosus. Aber auch nicht mehr. Sokrates war ein Dichter des Lebens und ein Gottsucher, aber kein Systemgründer und kein Religionsstifter. Wer ihn dazu machen will, erhöht ihn nicht, sondern degradiert ihn, indem er ihn verkennt.

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