Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 431
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Der Prozeß des Sokrates

Es war schon mehr als ein halbes Jahrhundert seit dem Tode des Sokrates verflossen, als Aischines in einer Rede sagte: »Ihr Athener habt den Sophisten Sokrates hinrichten lassen.« Er war vor allem darin der geradezu repräsentative Typus der sophistischen Daseinsform, daß er das Reden, sowohl das Unterreden wie das Überreden, an die Stelle des Schreibens setzte. Der platonische Sokrates ist eine dichterische Verklärung, etwa in der Art wie Shakespeares Timon, und doch zeigt der viel wirklichkeitstreuere xenophontische, neben ihn gehalten, daß der Naturalist immer der schwächere Porträtist ist, weil er nur die Epidermis zu zeigen vermag. Bei Aristophanes wird Sokrates als Wolkengucker geschildert, was er bestimmt nicht war, und als Zerschwatzer, was er in gewissem Sinne war, und außer dem aber auch als Atheist: eine glatte Infamie, denn es ist ausgeschlossen, daß Aristophanes so ungebildet oder so borniert war, um dies wirklich zu glauben. Es war dies aber eine der Hauptursachen, die ein Vierteljahrhundert später zum Prozeß führten. Die beiden anderen Gründe waren, daß Sokrates einige sehr kompromittierte Schüler hatte wie Kritias und Alkibiades und daß man ihn eben für einen Sophisten hielt. Die Sophisten waren Ausländer, Neuerer, Verdiener, Bildungsaristokraten und Lehrer der jeunesse dorée: lauter Eigenschaften, die sie dem Demos suspekt machten. Es wäre aber wohl kaum zur Todesstrafe gekommen, wenn Sokrates es nicht geradezu darauf angelegt hätte. Er trat den fünfhundert Geschworenen, die über ihn richten sollten, mit einer sarkastischen Überlegenheit entgegen, die sie reizen mußte: selbst seine größten Bewunderer gaben zu, er habe eine »allzu stolze Sprache« geführt. Aber auch nachher lehnte er die Flucht ab, die ihm seine 864 Freunde ermöglichen wollten und die auch wahrscheinlich von der Regierung selber gern gesehen worden wäre. Er hat sich also gewissermaßen zu seinem eigenen Justizmörder gemacht, um dadurch die athenische Demokratie für ewige Zeiten ad absurdum zu führen. Dieser Tod gehörte zu seiner Lebensform: als Gipfel der sokratischen Ironie.

 << Kapitel 430  Kapitel 432 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.