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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 430
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Nachleben der Sophistik

Bei der Beurteilung der Sophisten dürfen wir nicht vergessen, daß von ihnen fast nichts erhalten ist und von ihrem erbittertsten Gegner Plato fast alles. Daß sie bloße Quacksalber und Marktschreier gewesen seien, die des Geldes wegen zweifelhafte Künste beibrachten, ist gehässige Karikatur. Die hohen Honorare wurden ihnen zumeist aufgedrängt, und die Rhetorik, die sie lehrten, war eine Fertigkeit, die sich eben noch mehr als jede andere mißbrauchen ließ. In einem sophistischen Traktat aus dem fünften Jahrhundert, den »doppelten Reden«, wird davon gehandelt, wie man eine Sache »nach beiden Seiten 860 vertreten«, sowohl angreifen wie verteidigen kann: dies ist ein pures Übungsbuch zur Anleitung in der Polemik. Die Debattierübungen in unseren höheren Schulen, die feierlichen akademischen Disputationen, die Plädoyers des Rechtsanwalts und Staatsanwalts, die Opposition in Parlament und Presse: Alle diese Dinge gehen auf die Sophistik zurück, ebenso die berühmten »Antilogien«, die Rededuelle über diplomatische und innerpolitische Fragen im Thukydides. Auch die «Akribologie«, den präzisen Ausdruck, den er so bewundernswert meistert, hat Thukydides von den Sophisten gelernt. Ihre Untersuchungen über Mehrdeutigkeit und Bedeutungswandel, engere und weitere, eigentliche und uneigentliche Bedeutung der Wörter, standen sowohl im Dienste der Sprachkritik wie der Eristik. Daß der souveräne Besitz aller dieser Mittel und Kenntnisse nicht selten zur Scharlatanerie und Clownerie, Rabulistik und Klopffechterei verführte, ist selbstverständlich: dies ist die regelmäßige Folge großer Fortschritte in der philosophischen Dialektik; auch Scholastik und Hegelianismus entarteten auf diese Weise. So lehrte zum Beispiel Euthydem: da man alles von allem aussagen könne, so sei alles gleich wahr und man könne daher nicht irren. Diese Behauptung beruht auf einem Mißbrauch des Begriffs der Kopula: wenn ich sage: »schwarz ist die Nacht«, so will ich mit dem »ist« eine Tatsache feststellen; wenn ich aber sage: »schwarz ist weiß«, so hat das »ist« lediglich die Funktion einer grammatischen Verbindung. In dergleichen Hanswurstiaden gefielen sich nicht wenige Sophisten, aber sie kamen, wie man schon an den viel älteren Eleaten sehen kann, damit dem griechischen Geschmack entgegen. Auch gewissen primitiven Techniken der Psychoanalyse scheinen sie nicht ferngestanden zu sein; wenigstens die Trostbude des Antiphon in Korinth, der sich erbötig machte, Betrübten ihr Unglück auszureden, kann man sich nicht gut anders erklären. Andrerseits waren sie von einem fanatischen 861 Erziehungswillen und Glauben an die Erziehbarkeit des Menschen beseelt: Sie erklärten, die Tugend, arete, worunter sie in erster Linie die Tüchtigkeit als Staatsbürger verstanden, sei lehrbar, was höchst sokratisch war. Als pädagogische Hauptpunkte betrachteten sie: richtige Erkenntnis der physis: der natürlichen Beanlagung, mathesis, das Lernen, und askesis, die Übung, durch die das Erlernte zur selbstverständlichen Reflextätigkeit wird. Am objektivsten dürfte wohl Grote ihre Stellung charakterisiert haben, wenn er sagt: »Die Sophisten waren die regelrechten Lehrer der griechischen Moral und hierin weder über noch unter dem gangbaren Maßstab ihrer Zeit.« Am tiefsten läßt sich ihr Wesen vielleicht durch ein Wort Hegels erfassen: »Die Philosophie muß überhaupt damit anfangen, eine Verwirrung hervorzubringen, um zum Nachdenken zu führen; man muß an allem zweifeln, alle Voraussetzungen aufgeben.« Diese bedeutende Mission hat die Sophistik erfüllt. Sie bezeichnet einen Höhepunkt in der Geschichte des Zweifels, der aber naturgemäß nur ein Durchgangspunkt sein konnte.

Fortgewirkt hat die Sophistik theoretisch in den Systemen des Skeptizismus, Epikureismus und Stoizismus, die alle drei eine relativistische Pointe haben, praktisch in Erscheinungen wie den sizilischen Tyrannen und den hellenistischen Diadochenfürsten. Auch die antiken Rhetoren sind nicht bloß in ihrer Technik, sondern auch in ihrer ganzen Lebensform Erben der Sophistik: eine Art geistige Condottieri. Aber auch die wirklichen Condottieri der Renaissance sind es: der principe Machiavells, ein Idealtyp, der aber aus dem Leben abstrahiert ist, ist der Souverän seiner Kraft und seines Glücks, der geschmeidige und brutale Liebhaber der Macht, der extreme Individualist, der nichts kennt als sich und seinen Herrschtrieb, völlig prinzipienlos oder vielmehr diesem einen Prinzip alles unterordnend. Die paradoxe Spielart einer christlichen 862 Sophistik verkörperten am Ausgang des Mittelalters die »Brüder vom freien Geiste«: sie lehrten unter anderem, sittlich sei, was die Brüder und Schwestern sittlich nennen, der »Geist« kenne keine Regel, also auch keine Sünde, und das freie menschliche Ich sei der wahre Christus. Besonders aber die Humanisten waren in ihrer ganzen Weltanschauung, sogar in ihrem äußeren Gehaben, die Doppelgänger der Sophisten: in ihrem wandernden Virtuosentum, ihrem ins Groteske gesteigerten Selbstgefühl, ihrer Industrialisierung der Wissenschaft und ihrer giftigen Rivalität. In der neuesten Zeit hat Stirner einige Positionen der Sophistik mit einer Konsequenz verfochten, die in Bizarrerie umschlägt. Er sagt selber einmal treffend: »Die sophistische Bildung hat bewirkt, daß einem der Verstand vor nichts mehr stillsteht.« Er schreibt Sätze, die wörtlich in einem sophistischen Traktat stehen könnten: »Nach seines Landes Sitte und Gewohnheit handeln – heißt da sittlich sein«; »ein Nero ist nur in den Augen der ›Guten‹ ein ›böser‹ Mensch; in den meinigen ist er nichts als ein Besessener, wie die Guten auch.« Und er gelangt nicht nur zu dem Resultat: »der sittliche Glaube ist so fanatisch wie der religiöse«, sondern zu einem noch weit grundstürzenderen: »Rein logische sind theologische Fragen.« Er meint damit, daß die ganze menschliche Logik eine verkappte Theologie sei und die bloße Forderung widerspruchslosen Denkens bereits auf Theismus hinauslaufe. Weiter kann man den Nihilismus nicht treiben; aber es ist durchaus vorstellbar, daß sich in den Schriften des Gorgias, der die menschliche Sprache für eine willkürliche Konvention und die Grammatik für ein Vorurteil ansah, ähnliche Gedankengänge befanden. Die letzte und höchste Geburt der Sophistik aber ist Nietzsches Übermensch, der sich selbst das Gesetz gibt. Jenseits von Gut und Böse ist eine sophistische Wortfügung; aber auch schon die ganze Moralkritik der mittleren Periode Nietzsches trägt sophistischen Charakter. Zweifellos waren auch die 863 Sophisten Götzenzertrümmerer, zweifellos war auch diese Götzendämmerung eine Morgendämmerung neuer Werte und zweifellos befanden sich unter ihnen ebenso viele Snobs und Hohlköpfe wie unter den Nietzscheanern.

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