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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 429
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Prodikos und Kritias

Zwei andere hervorragende Sophisten waren Hippias aus Elis, ein Polyhistor, der nicht nur alle Wissenschaften beherrschte, sondern auch einige neue wie die Archäologie und die Mnemonik hinzuerfand, und Prodikos aus Kos. Für den Ruf, den dieser genoß, genügt es zu wissen, daß eine griechische Redensart lautete: Προδίκου σοφώτερος, weiser als Prodikos. Er verfaßte Schriften über ethische Fragen von allerseits anerkanntem hohem Niveau und über den Unterschied sinnverwandter Wörter, womit er der Begründer der Synonymik wurde. Sein Wort über den Tod: er gehe weder die Lebenden noch die Toten etwas an, jene, weil sie noch leben, diese, weil sie nicht mehr existieren, ist im Altertum oft nachgesprochen worden. Ferner 859 entwickelte er eine rationalistische Theorie der Religion: die Menschen hätten ursprünglich das für göttlich gehalten, was ihnen im Leben nützlich war; so sei aus dem Brot Demeter, aus dem Wein Dionysos, aus dem Wasser Poseidon, aus dem Feuer Hephaistos geworden. Eine ähnliche Philosophie bringt Sisyphos in dem gleichnamigen Satyrdrama des Kritias vor: um geheime Vergehen zu verhüten, erfand ein kluger Mann die alles sehenden und hörenden Götter, die er in den Himmel versetzte, da von dort die Schrecken des Donners und Blitzes kommen. Von Kritias stammt auch der erschütternde Ausspruch: »Es gibt im Menschenleben nichts Sicheres als den Tod und die Torheit.« Er war ein reich und vielseitig begabter Mensch: als Dramatiker dem euripideischen, als Denker dem protagoreischen und als Politiker dem lysandrischen Typus am nächsten verwandt; wenn sein Neffe Plato ihn als edlen Sokratesjünger schildert, so hat er offenbar idealisiert. Daß er sich als einer der wüstesten Reaktionäre einen sehr üblen Namen gemacht hat, war eine Tatsache, an die die Platoniker sich nicht gern erinnern ließen. Sophistik und Reaktion vertrugen sich nämlich merkwürdigerweise sehr gut: auch der hyperkonservative Xenophon war bei all seinem verknöcherten Ritualismus und plakatierten Lakonismus in seiner erfolganbetenden Nützlichkeitsmoral Sophist.

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