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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 428
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Gorgias

Gorgias aus Leontinoi in Sizilien wurde durch seinen Unterricht nicht nur einer der berühmtesten, sondern auch der reichsten Männer in Griechenland. Er erschien in der Öffentlichkeit in Purpur und Golddiadem und setzte sich selber in Delphi eine goldene Statue. Die drei Hauptaxiome seiner Philosophie lauteten: Es gibt nichts; gäbe es etwas, so wäre es doch unvorstellbar; gäbe es etwas und wäre es vorstellbar, so wäre es jedenfalls nicht mitteilbar. Von diesen drei Sätzen ist der dritte der interessanteste. Gorgias behauptete nämlich, die Vehikel der Mitteilung, die Worte seien bloße Zeichen (σημαῖα) für Vorstellungen, Zeichen und Bezeichnetes seien aber immer verschieden. Zu genau demselben Resultat gelangte auch die Scholastik in ihrer letzten Phase, dem Nominalismus, welcher erklärte, die Worte seien bloße signa, die die Dinge nur anzeigen wie der Rauch das Feuer, der Seufzer den Schmerz, ohne ihnen darum im geringsten ähnlich zu sein; ferner leugneten sie, ganz ebenso wie die Sophisten, die Erkennbarkeit Gottes, die Notwendigkeit im Weltgeschehen, die Allgemeingültigkeit ethischer Normen. Die Sophistik scheint ein philosophisches Stadium zu sein, das auf einer gewissen Entwicklungsstufe mit Notwendigkeit eintritt: Es findet sich auch in der indischen und arabischen Philosophie.

Gorgias, an dessen Reden die Zeitgenossen die Pracht, Würde 858 und Anmut rühmten, ist der Begründer der attischen Kunstprosa, von der er forderte, sie müsse der Poesie nahestehen: Er verstand darunter, sie solle mit Redefiguren geschmückt sein, aber keine allzu kühnen Metaphern, keine Vokabeln der reinen Dichtersprache und keine ungewöhnlichen Vorstellungen enthalten, und rhythmisch, aber nicht metrisch sein. Unter ῥυϑμός, Rhythmus, begriff der Grieche wohlgefällige Anordnung des sinnlich Wahrnehmbaren, Ebenmaß, schönes Verhältnis der Teile, Wohlklang im eigentlichen wie im übertragenen Sinne; Eurhythmie ist in der Sprache angenehme Abfolge der Längen und Kürzen, in der bildenden Kunst anmutiges Zusammenstimmen der Teile. Metrum hingegen ist eine strenge Gesetzmäßigkeit in Abfolge und Aufbau, die sich in der Sprache als Vers, in der bildenden Kunst als Symmetrie äußert, beidemal durch feste Zahlenverhältnisse ausdrückbar. Besonders die Satzschlüsse verlangte Gorgias rhythmisch, ja er verwendete sogar gelegentlich den Reim. Das ist sehr merkwürdig. Die Hellenen kannten den Reim, wollten ihn aber nicht. Es verhielt sich damit ähnlich wie mit Hose und Glas, Butter und Bier. Von einer gewissen Seite gesehen, haben alle diese Dinge in der Tat etwas Vulgäres.

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