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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 427
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Protagoras

Die führenden Sophisten hatten ihren Hauptwirkungskreis in Athen, waren aber fast alle Ausländer. Protagoras stammte aus Abdera. Wegen seiner Schrift »Von den Göttern« wurde er auf Asebie verklagt und aus Athen verbannt; sie begann mit den Worten: »Von den Göttern kann man nichts wissen, weder daß sie sind noch daß sie nicht sind, denn vielerlei verhindert uns, es zu wissen: sowohl die Dunkelheit der Sache wie die Kürze des menschlichen Lebens.« Eine andere Schrift: »Die niederwerfenden Reden« (der Titel erinnert an: »Wie man mit dem 856 Hammer philosophiert«) begann mit dem berühmten Satz: »Der Mensch ist das Maß aller Dinge: der seienden, daß sie sind, der nichtseienden, daß sie nicht sind.« Einen Kommentar dazu bietet der Ausspruch Goethes: »Wir mögen an der Natur beobachten, messen, rechnen, wägen, wie wir wollen; es ist doch nur unser Maß und Gewicht, wie der Mensch das Maß der Dinge ist«, oder, wie er ein andermal sagt: »Der Mensch begreift nie, wie anthropomorphisch er ist.« In dieser Allgemeinheit ausgesprochen, ist der Satz doch wohl unanfechtbar; aber Protagoras wollte offenbar noch viel weiter gehen: er meinte, daß nur der Einzeleindruck maßgebend sei. Wenn ihm daraufhin bei Plato entgegengehalten wird, daß ja dann auch der Affe und das Schwein das Maß aller Dinge sei, so ist das gar kein Einwand, denn gerade dies meinte Protagoras. Der Affe friert zum Beispiel leichter als der Mensch, folglich hat er ein anderes Maß für Kälte, aber auch die einzelnen Menschen haben dafür ein verschiedenes Maß und ein verschiedenes an verschiedenen Tagen. Nach Protagoras entsteht alle Wahrnehmung aus dem Zusammentreffen zweier voneinander unabhängiger Bewegungen, die im Empfindbaren und im Empfindenden vor sich gehen, ist also der reine Zufall. Infolgedessen gibt es natürlich keine objektive Erkenntnis. Im Zusammenhang damit zog Protagoras auch die Sätze der Geometrie in Zweifel, da sie mit vollkommen geraden Linien, vollkommen runden Kreisen und ähnlichen Dingen operieren, die in der Natur nicht vorkommen. Er erkannte diese Vorstellungen also bereits ganz deutlich als Fiktionen. Auch dies ist eine Position, die sich nur schwer angreifen läßt. Die einzige Möglichkeit, die Wahrheit der Mathematik zu retten, ist der platonische Standpunkt: der ideale Kreis ist der wahrhaft wirkliche, der empirische nur dessen unvollkommenes, halbreales Abbild. Wenn ferner Protagoras erklärte, von zwei antithetischen Sätzen sei nicht der eine wahr, sondern jeder von beiden, so antizipierte er damit nur die 857 Hegelsche Dialektik. Auch sein berüchtigter Anspruch, »die schwächere Sache zur stärkeren zu machen«, sollte nicht der logischen Falschmünzerei dienen, sondern der psychologischen Aufgabe, die Dinge einmal von der anderen Seite zu zeigen. Durch alle diese zunächst destruktiven Problemstellungen ist er häufig zu sehr positiven Resultaten gelangt. So wurde er zum Beispiel durch seine Untersuchungen über die Wahrheit der Sprache der Schöpfer der wissenschaftlichen Grammatik: von ihm zuerst sind Genera, Tempora und Modi unterschieden worden.

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