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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 426
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Sophisten

Auch in seiner Lehre vom Nus bleibt Anaxagoras durchaus Naturalist. Der Nus ist die alles durchwaltende Weltvernunft, die aus dem Chaos, worin die Spermata noch in wüstem Durcheinander lagen, den Kosmos schuf und alles weise und zweckmäßig ordnete. Man hat nun, indem man Nus einfach mit »Geist« gleichsetzte, Anaxagoras als den ersten großen Dualisten gefeiert, was aber allem Anschein nach auf einem Mißverständnis beruht. Denn nicht nur hat Anaxagoras alles durch rein mechanische Ursachen erklärt, sondern der Nus ist überhaupt ein materielles Prinzip. Anaxagoras sagt ausdrücklich, der Nus sei der leichteste und reinste von allen Urstoffen, und Archelaos, der einzige bekannte Schüler des Philosophen, 854 erklärte geradezu, der Nus sei die Luft. Vermutlich meinte Anaxagoras mit seiner Weltvernunft nichts anderes als ein allem Geschehen immanentes Prinzip der Zweckmäßigkeit, das er sich auf echt griechische Weise als einen unendlich feinen Körper dachte. Er war also wahrscheinlich ein durchaus konsequenter Monist, und dies hätte auch nicht nur zu seiner eigenen Geistesart, sondern auch zu der ganzen Signatur seines Zeitalters gepaßt, das dem zustrebte, was wir heute eine »wissenschaftliche Weltanschauung« nennen würden. Wir sprechen von der Sophistik. Sie bezeichnet die Krisis der hellenischen Seele. Die ganze bisherige Entwicklung der griechischen Philosophie war ein unbewußter Weg zu diesem gefahrvollen Gipfel. Die gesamte Vorsokratik war bereits Dialektik, indem ein System das andere aufhob. Auch mündete sie allemal in eine Pointe, die entweder tatsächlich nihilistisch war oder doch so aufgefaßt werden konnte. Bei Heraklit ist alles ein Fluß und flüchtiger Augenblick und daher von vornherein jede objektive Erkenntnis ausgeschlossen: »Die Menschen«, sagt er in einem seiner prachtvollen Dunkelworte, »haben barbarische Seelen«, das heißt: Sie verstehen die Sprache der Natur nicht. Parmenides freilich behauptete im Gegenteil, das Wahre sei das unwandelbare Sein, aber die Welt, wie sie unseren Sinnen erscheint, die einzige, die wir kennen, erklärte er ebenfalls für Trug und Schein, und mehr haben auch die Sophisten nicht behauptet: eine Schrift des Gorgias führte den Titel: »Über die Natur oder das Nichtseiende.« Auch Anaxagoras und Empedokles waren dezidierte Agnostiker: Dieser behauptete, die volle Wahrheit sei weder mit den Augen und Ohren noch mit dem Verstand zu erfassen, und von jenem berichtet Aristoteles den völlig sophistischen Ausspruch, die Wirklichkeit sei für jeden so, wie er sie aufnehme.

Das Wort »Sophist« erhält ein interessantes Stück Sprachgeschichte. Σοφιστής bedeutet ursprünglich ganz einfach den 855 Weisen. »Sophisten« sind bei Herodot Solon, Pythagoras, die Orphiker, bei Arrian die indischen Brahmanen, die er »Gymnosophisten«, nackte Weise, nennt. Die sieben Weisen heißen οἱ ἑπτὰ σοφισταί. Bei Aischylos wird Prometheus als Sophist, das heißt: als »Geistesmächtiger« bezeichnet. Sophizein heißt weise machen, und indem sie dies ihren Schülern in Aussicht stellten, betrachteten die Sophisten sich als »Weisemacher«: dies ist also schon eine abgeleitete, sekundäre Bedeutung des Worts. Plato hingegen sagte, der Sophist sei ein Jäger, der reiche Jünglinge zu fangen sucht, ein Krämer, der mit Kenntnissen handelt, und die Sophistik eine Kunst der Täuschung, eine schmeichlerische Afterkunst, die sich zur Tätigkeit des echten Denkers verhalte wie die Kosmetik zur Gymnastik; auch Aristoteles nannte sie eine Wissenschaft des Unwesentlichen, eine Scheinweisheit. Dies ist die dritte Bedeutung, die sich bis zum heutigen Tage erhalten hat, und Sokrates und seine Schüler bezeichneten sich nun zum Unterschied als Philosophen: Liebhaber, Sucher der Weisheit. Aber auch die übrigen nannten sich jetzt so, um dem kompromittierten Namen zu entgehen, und es ereignete sich die doppelte Ironie, daß Plato von Isokrates und anderen Gegnern, die selber Schüler des Gorgias waren, Sophist geschimpft wurde. Für die Rhetoren blieb es aber immer ein Ehrentitel, und noch eine Schule der Kaiserzeit nannte sich stolz die zweite Sophistik.

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